„Unmännlich, Georg?“

„Zum Beispiel der Gemeindegesang. Singen ist eine weibliche Angelegenheit, Benno, hast du’s nie bemerkt? Wenn ich einen Tenor sehe, wie er den Mund verbiegt und eitel süßen Schmelz aus sich zieht wie Syrup mit dem Löffel, sehe ich immer ein fettes Weib, wo er steht. Die Kirchen am Sonntag sieht man gefüllt mit Frauen, die ihre kleinen Seelen ganz süß und dumpf fühlen, wenn sie singen. Überhaupt jeder übermäßige Musikbetrieb — entschuldige schon, Benno! —, aber besonders männlich hab ich ihn nie finden können.“

Benno krümmte sich und meinte, das sei vielleicht eine große Wahrheit. Aber die Musik sei doch —

„Ich bitte, mach mich nicht wütend, Benno, ich rede vom Singen und Musizieren und nicht von der Musik! Dies Hervorziehen der fühlenden Seele, dies Modulieren und Drehen und Drechseln, dies Preisgeben des innersten Wesens, gar Aufputzen und zur Schau Tragen ist auf abscheuliche Weise unmännlich. Musik ist nicht männlich und nicht weiblich, sondern göttlich, aber drei Dinge sind verschieden: Musik, Musik Hören und Musik Machen. Außerdem hab ich das Ganze nur symptomatisch gemeint.“

„Ja, wie denkst du dir denn die Entstehung des Christentums? Die früheren Gottheiten entstanden doch nur — gewissermaßen — aus Furcht.“

„Naturgötter, richtig, aus Naturängsten. Nun betritt einmal Rom etwa im zweiten Jahrhundert oder im ersten. Da hättest du es gepflastert gefunden mit Götterstatuen aller Völker, die sich allesamt überboten und infolgedessen aufhoben. Ängste gabs keine mehr, da die Menschen sicher in behaglichen Wohnungen saßen, und doch hatte jeder Tag, jede Stunde, jede Eigenschaft und fast jede Handlung ihren kleinen Gott, und zum größten Schaden gabs die Divi Augusti, die Gottheiten der letzten Angst, vor dem Wahnsinn der Kaiser nämlich, an die schon der Einfältigste nicht mehr glaubte, wenn sie einen struppigen Adler, wie Pater erzählt, aus dem Scheiterhaufen fliegen und dann verkündigen ließen, die kaiserliche Seele sei sichtbar zu den Göttern heimgekehrt. Übrigens da ich Walter Pater erwähne, fällt mir ein, daß damals besonders der Äskulapkult blühte, wegen gewisser Seuchen, und mir scheint, diese, die Angst vor Leibeskrankheiten war die letzte. So aber war damals die Religiosität verkommen in dem langsam verkommenden Reich des Überflusses, und damals erwachte, unterirdisch, das Christentum, ganz von unten anfangend, mit der Lehre des Leidens. Ist es eine Religion des Leidens oder nicht?“

„Natürlich, Georg, aber —“

„Und da haben wir wieder die Unmännlichkeit. Das Weib bekam das Leiden als Auftrag: sie muß gebären. Sie hatte sich abzufinden mit ihm, sie lernte, sich als Opfer empfinden, sie nahm das Leiden an. Das Leiden annehmen, ist nicht männlich, sondern männlich ist, es abwehren, es befeinden, es bekämpfen, es austilgen wollen. Und was taten jene vorm Kreuz? Sie beteten es an.“

Georg verstummte, überaus erregt. — Was, dachte er, kocht mich denn so auf? — Aber schon mußte er fortfahren.

„Ich hasse das Leiden, das immerhin hab ich gelernt. Sie haben sich innig mit ihm beschäftigt, haben es liebend hingenommen, haben gelernt, daß Dulden göttlich sei, daß kein süßrer Lohn des Leidens sei als im Dulden, anstatt daß sie anpackten und wegschafften, und sie haben gesagt, daß es nichts gebe als Leid, die Welt ein Abgrund des Jammers, sie in ihren Katakomben, und mit einem Schlag ist ihnen das ganze Leben dahier aus der Hand gerutscht und zu einem traurigen Anhängsel geworden, zu einem Blinddarm jenes Lebens, das sie das Ewige nannten.“