„Aber gerne, gewiß! Ich will mich nun eben etwas regenmäßiger anziehn und komm dich dann holen.“ Im Vorbeigehn mit der Hand über ihre Achsel streichend, ging er hinaus.
Drittes Kapitel
Magda
Als Renate auf der ratlosen Suche nach Magda das Haus durchwanderte, befand sie sich in einer Weichheit ihres ganzen Wesens, die jeden Augenblick überfließen zu wollen schien. Das Hungergefühl war verschwunden, obwohl sie sich kraftloser in den Knieen fühlte, als sie von früheren Charfreitagen her sich zu erinnern glaubte. Nun wollte sie sich eine Weile an der Freundin halten, mit ihr, wie sie verabredet hatten, das Grab der Herzogin besuchen, und dann würde sie allein sein den Tag über, würde es können, würde vielleicht Hoffnung, Glauben, Zuversicht, ach, vielleicht alles von neuem schöpfen aus den ewigen Augen der einzig heiligen Gestalt.
So öffnete sie denn die Türe des Gobelinzimmers, ohne sich zu erinnern, daß Magda ihr gesagt hatte, sie frühstücke dort; aber schon der erste Blick auf den Tisch mit Speisen, an dem Magda und Benno saßen, bereitete ihr kein Gefühl des Hungers, sondern eher eines des Abscheus, was sie denn etwas mutvoller machte.
„Schade, daß du so spät kommst!“ rief Magda Renate zu, sich umwendend nach ihr, die sie hinter sich eintreten hörte. „Georg ist eben gegangen, nachdem er eine kostbare Rede gehalten hatte. Wir sind noch ganz niedergedonnert, Benno und ich.“
Renate trat, etwas geblendet vom Licht in den großen Glasscheiben ihr gegenüber, hinter Magdas Stuhl, über deren Schultern die Hände hinabreichend, die gleich ergriffen wurden, und legte eine Wange auf das weiche Haar unter ihr, die Augen schließend im Wunsch, so einzuschlafen. Aus der Ferne hörte sie so Magdas Stimme nach ihrem Nachtschlaf fragen und erwiderte leise: „Gar nicht! Ich hatte einen schönen Traum; er war unendlich lang, aber nun kann ich mich nicht mehr darauf besinnen.“
Das wären die besten Träume, meinte die Freundin tröstend, und sie setzte sich nun an den großen runden Tisch und starrte mutlos auf ihren Teller und die unterschiedlichen guten Essensdinge, die ihr Ekel erregten, und die sie verschwommen kaum sah. Magda erklärte Egloffstein, daß Renate nichts zu sich nähme. Die hörte währenddes Benno sagen:
„Ich glaube, er hat etwas gegen mich.“ Er neigte sich beteuernd zu Magda. „Glauben Sie mir, ich fühle es, und ich weiß auch, von früher her, daß in meinem Wesen etwas sein muß, das ihn reizen kann. Er ist ja auch viel männlicher als ich und stärker —“ schloß er bedrückt.
Sie reden von Georg, dachte Renate, Magdas abwehrende Antwort nicht mehr verstehend, und sah ihn wie am gestrigen Abend, wo er ihr recht lärmend erschienen war. Und wenn er sich einmal auf den Schenkel schlug, ein andermal sich zurücklehnte und lachte, dann wieder in breiter Hoffart gleichsam erstarrte, schien ihr dieser häufige Wechsel sich auf eine Umgebung zu beziehn, die gar nicht da war, die er vielleicht sonst gewohnt sein mochte, und so, als wollte er sagen: Lockerheit! Ungebundenheit, ich kann mir das leisten! Und einzelne Bewegungen hatten sie fast erschreckend an seinen Vater erinnert, — ja, dessen Art, nur nicht ganz fertig.