Allein schon brannte ihr jetzt die Stirne vom Nachdenken. Sie hörte Magda etwas sagen, mußte jedoch fragen und hörte nun erst ihre Stimme von fernher näher kommen:

„Manchmal fehlt es mir doch recht, daß ich ihn nicht sehen kann. Ist er nicht sehr verändert? Ist er nicht breiter geworden? Oder ist das Einbildung? Ich rede von Georg“, schloß sie leise erinnernd, als ob sie gefühlt hätte, daß Renate fern war.

Die dachte wieder nach, was sie sagen sollte, und seine Augen vor sich gewahrend, bemerkte sie in halber Zerstreutheit: „Ja —, er hat ja nun solche Pferdeaugen.“

„Pferdeaugen? wie meinst du denn das?“

Renate gab sich Mühe, auseinanderzusetzen, wie sie es meine. „Früher“, sagte sie, „hielt ich seine Augen für grau. Nun sind sie erstaunlich braun geworden, dazu sehr stark, — nicht quellend, nein, gläsern, und gerade bei heftigem Feuer können sie so etwas Starres haben wie die von Pferden, so daß die Augäpfel manchmal blitzen wie neu geschliffen oder stärker gewölbt. Ich weiß nicht, ob du ...“

Magda, die still und in sich gebeugt zugehört hatte, fuhr jetzt empor und rief halblaut: „Wie war das? Bilden sich wirklich die Königsaugen?“ Dann lachte sie leise und meinte: „Er bekommt sie schon noch einmal, aber er muß noch warten. Erinnerst du dich an die Augen seines Vaters? Königsaugen, anders lassen sie sich nicht nennen. Manche haben sie immer, Andre zuzeiten. Papa konnte sie machen, Klemens konnte sie haben, auch Bogner, wenn er erregt war. So, weißt du, zugleich kühn und verständig, von oben und sehr durchdringend, — sind sie so?“

Renate gab bereitwillig zu, daß sie ungefähr so wären.

„Jetzt wirst du denken,“ fing Magda nach einer Weile wieder an, „daß ich ihn verkläre, aber das tue ich wirklich nicht. Eben zum Beispiel hat er wieder eine halbe Stunde von Dingen geredet, von denen er gar nichts weiß, das ist ja nun seine Vorliebe. Ich verhalte mich dann schweigsam und bin vergnügt. Aber seit uns Li, als du krank warst, aus den Erinnerungen der Markgräfin vorgelesen hat, erinnert er mich oft so an den Kronprinzen Friedrich. Gar nicht im Charakter, oh, bewahre, nein, solch ein Hahnenfuß wie der ist Georg doch nicht gewesen! Nein, ich meine nur den Tod Kattes. Da gab es die plötzliche Wandlung, und nun, — was bei Friedrich der Katte war, das war bei Georg doch sein Vater“, schloß sie behutsam.

„Ich weiß noch,“ fing sie wieder an, „damals, als er dich besucht hatte, im März, da sagtest du, er wäre spottsüchtig. Armer Benno, Sie habens auch gefühlt. Und was sagte er noch gestern abend, Benno, von den Bestien, wie wars?“

Benno zitierte beglückt: „Das Richtige ist, alle Menschen für Bestien zu halten und bloß jedem, der einem ans Herz kommt, so viel Leiden zuzutraun, wie man selber zu sich genommen hat.“