„Zu sich genommen hat!“ wiederholte sie, „herrlich! Ja, so ist er, so sind sie!“ rief sie ganz heiß. „Von Friedrich heißt es auch, daß er ein solcher Menschenverächter gewesen sei, aber meinst du, den Männern wäre zu trauen? Die Menschen können doch niemand zu ihrem Verächter, können einen zu überhaupt nichts machen, wozu man nicht die Anlage hat. Das ist ja alles nur Selbstverachtung, weiter nichts. Es ist nur dumm, daß ich ihn nicht sehn kann. Alle Männer haben diese Art, auch Saint-Georges zum Beispiel, einmal in tiefem Ernst zu reden, — und dann muß man raten, daß sie es ganz scherzhaft meinen; oder das unsinnigste Zeug, — das ihnen dann wieder der tiefste Ernst ist. Und Georg, das verstehe ich wohl, ist solch ein Mensch, der wohl weiß, was er gelitten hat, nun aber viel zu hochmütig ist, um es für etwas Wichtiges zu halten, und so verachtet er in Bausch und Bogen das Leiden und sich und die ganze Menschheit. Ich versteh ihn so gut!“ schloß sie triumphierend.
Ihre Stimme rauschte Renate schmerzlich im Gehör. „Und was soll nun daraus werden?“ fragte sie matt.
Magda hob die Achseln und seufzte.
„Vorläufig hoffentlich gar nichts!“ meinte sie dann „Je weiter der Weg, desto besser. Du hättest nur hören sollen, wie er vom Christentum sprach! Daß es eine Religion der Liebe ist, scheint er noch nie vernommen zu haben.“ Sie seufzte wieder und schüttelte sich.
Renate glaubte, nun auch etwas sagen zu müssen, und brachte vor, was ihr einfiel: „Josef sagte einmal, ein Messer wäre auch nur da geschliffen, wo es seine Schneide hat, und doch sei immer das ganze Messer ein scharfes, geschliffenes Messer. Das übertrug er dann auf den Menschen, — ich weiß nun nicht mehr ...“ Sie verstummte unter dem plötzlichen Gedanken, ein paar Minuten vorher etwas Böses getan zu haben, während Magda aufleuchtend einfiel: „Natürlich, so ist es ja mit Georg! Er ist immerfort, immerfort geschliffen worden, nur weiß ers nicht, weiß nicht, daß er an der Schneide geschliffen worden ist, und nach Jahren vielleicht, wenn er sie schon lange gebraucht hat, dann merkt ers plötzlich und kommt mir mit einer goldnen Erkenntnis. Ach, es ist ja das einzig Gute an ihm, daß er immer alles sieht und erkennt; nur was am Grunde liegt —, ach, dafür hat ja uns Allen ein guter Geist den Blick entwendet, wie wollten wir sonst leben?“
Eine lange Weile war sie nun still, schien auf ihre Hände im Schoß hinabzublicken, doch liefen und kreuzten sich unablässige Wellen in ihren Zügen und machten den Mund ganz wenig zucken. Und schließlich begann sie mit tieferer Stimme:
„Man kann doch nicht annehmen, daß es Menschen giebt, die das Schicksal sich aussucht wie Lasttiere, nur um ihnen immerfort aufzuladen, über Vernunft? Oft mußt ich das von mir denken; oft, wenn ich am Verzagen war, brannte es sich mir ein, denn — wie ist das mit mir und Georg? Soweit ich mein Leben hinunterblicken kann, war immer nur er. Warum denn? Warum diese Gebundenheit an einen Menschen, für dessen Dasein sie gar keinen Sinn hat? Denke nur, auf Hallig Hooge sagte er, es sei ihm während der vergangenen Jahre oft schwer gewesen an mich zu denken, in einer solchen Einsamkeit sei ich ihm immer erschienen. Das war ja deutlich. Es hieß, daß er sich für mich kein Leben vorstellen konnte — ohne ihn, und deshalb war da eben für ihn nichts zu sehn. Ich lachte ihn ordentlich aus und erzählte ihm dies und das aus meinem Leben, wovon er keine Ahnung hatte, von Berlin, wo ich mich kaum retten konnte vor Menschen, die alle etwas von mir wollten, — nun, das weißt du ja, aber, siehst du, von alledem ahnte er nicht das geringste, er wußte nichts von mir, gar nichts ...“
Ihr Gesicht hatte stärker zu glühen begonnen, während sie das letzte sprach. Jetzt stand sie auf, machte einen versuchenden Schritt, senkte den Kopf, besann sich und setzte sich wieder.
„Antworte mir nicht auf das, was ich jetzt sage“, fing sie ruhiger wieder an. „Vor einer halben Stunde bat ihn der Hauptmann um eine persönliche Unterredung, und da hatte er natürlich auch keine Ahnung, daß es sich um mich handeln könnte, und daß wir uns gut kennen und er mich oft besucht hat, um mir von Georg zu berichten. Der Hauptmann ist auch dumm, er geht zu Georg, um ihn zu fragen, ob er mich fragen darf, aber da kann er sich dann mal wundern. Nein, nein, du sollst nichts sagen!“ rief sie lachend, da Renate ihre Hand ergriff, „ich weiß nichts, und wenn du nicht still bist, heirate ich ihn sicher nicht!“ Verstummend ließ sie Renates Hand los, ihr Gesicht wurde blaß und fast spitz vor gesammeltem Ernst, während sie langsam und schwer sagte:
„Ja, das scheint einem freilich sehr verkehrt. Alle kamen zu mir, aber er kam nicht, — und muß ich nicht annehmen, daß ich ihm viel hätte geben können, da es doch für so Viele gereicht zu haben scheint? Und ich war reich an Leben und Menschen, aber Reichtum und Leben waren nicht sie, sondern die Gedanken an ihn, die mir Leben gaben und mich Leben empfinden lehrten. Und wenn ich trotzdem Leere empfand, so war auch die Leere von ihm. Und obgleich ich ihm nie etwas sein werde in Wahrheit,“ schloß sie aufleuchtend mit den blinden Augen, „so will ich doch immer glauben, daß es gut ist, daß es hilft, daß es irgend etwas heilt, und daß es sein muß, alles, für mich, und für ihn, und für die Welt.“