Eine halbe Minute hielt Renate es noch aus, stand dann eilig auf, sah einen Stuhl neben der Glastür, setzte sich darauf, legte das Gesicht in die Hände und weinte aus Leibeskräften.

„Ja, was ist denn, was hast du denn?“ hörte sie Magda fragen, „warum weinst du?“

„Weil ich,“ stammelte sie schluchzend, „weil ich vorhin gesagt habe, Georg hätte Pferdeaugen!“

„Das ist entsetzlich!“ sagte Magda.

Georg

Wozu, fragte Georg sich, als er, aus dem Frühstückszimmer heraufgekommen, das Buch mit den Aufzeichnungen auf seinen alten Schreibtisch legte, — wozu war nun das? Wozu sagte ich das? Wozu reden wir das? Hat das alles nun irgendeinen Sinn, irgendeine noch so dürftige Fruchtbarkeit? Wird irgendwas klarer durch solche Reden, wir selbst uns durchsichtiger, besser, einsichtiger? Ach, so kurz ist dies Leben, und wir vertun es, wir verprassen — ach — oh du mein uralter Vers: Wer wüßte je das Leben recht zu fassen! Wer hat die Hälfte nicht davon verloren! Im Spiel, im Fieber, im Gespräch mit Toren! Ah freilich, und du, mein Platen, was ist denn nun dein geschliffenes Sonett mit nichts als seiner trüben Feststellung unserer Beschaffenheit, was ist es mehr wert als irgendein Frühstücksgerede! Hats dich klarer gemacht? Und wenn klarer, vielleicht besser? Hats dir irgendwas geholfen?

Das lange Dach gegenüber glänzte regenschwarz mit den Schwellungen der Ochsenaugen; auf derer einem ward eine Krähe sichtbar, indem sie lautlos und schwerfällig im Bogen nach unten wegflog, und Georg hörte, als sie schon über ihm unsichtbar geworden war, ihren Schrei. Der leichte Schleierfall des Regens war nur vor den Fenstern drüben sichtbar; sichtbarer kaum als die Stille und leichte Ödheit des Sonntags, die überallher aus halbgeschlossenen Augen blickte.

Warum war ich so aufgebracht und hitzig? Vielleicht war es wirklich zuviel verlangt von dem armen Benno, ahnungslos vom Schlaf aufzustehn und über alle Gottheiten Roms zu verhandeln.

Wie schön aber sie aussah und lauschte! Ich habe ja nicht einmal Renate mehr vermißt. Du guter Geist, könnt ich dich halten! — Und Renate? So war es immer: ich wollte Renate — und wollte auch Esther. Wollte Renate und wollte Cordelia. Nun denk ich an Anna wieder, und wieder erscheint diese Ewige, an der ich festhänge, seit ich sie sah, und werde ich jemals aufhören zu schwanken, jemals die Stimme der Wahrheit hören können? Wer hat die Hälfte nicht davon verloren?

Ja, fuhr er nachgrabend fort, noch etwas ist anders geworden. Ich sehe anders. Grade an Anna, wie ich sie dasitzen sah, ihre ganze Erscheinung, merkte ich — wie war es nur? Umfassend — ja, und — wahrhaftig, es ist, als hätte ich früher Vergrößerungsgläser vor den Augen gehabt, so daß ich sie an alles ganz nah heran halten mußte, und ich sah Einzelnes nur und Kleines, jedoch übergroß. Sind die Gläser fort? Bin ich zurückgetreten, freistehend und nun das Ganze umfassend?