Was ihm aber jetzt beim Aufschlagen des Buches entgegenfiel, das war der letzte Brief der Cornelia, in dem sie ihm mitteilte, daß sie nicht zu ihm zurückkehren könne, nur noch einmal kommen müsse, ihren Koffer zu holen. Hier also hatte er den lange vermißten hineingelegt. — Georg versank über dem Anblick der Lateinschrift auf dem Umschlag, von den eigentümlich geworfen, ja geschleudert und achtlos aussehenden Schriftzügen wie stets mit dem ganzen Gegensatz ihres bestimmten und geordneten Wesens betroffen, — Georg versank für Minuten in Gefühle wehmütiger Sehnsucht.

Sie war schlank und grade; der Gang schlank und kräftig; das Haar glatt; die Augen rund, kindlich die Stirn, und sie war die Einfachheit selber. Einmal sagte sie, sie könne nicht denken. Vielleicht hatte sie nie, was ein Mann denken nennt, gedacht. Aber sie wußte Bescheid in allem; was sie äußerte, war klar; ihr Urteil war, in Wort und Wendung und Sinne nichts als vernünftig, sachlich, ja nüchtern, selbst wenn es die höchsten Dinge betraf. Nüchtern, — ja, das war sie; von jener Nüchternheit, welche Hölderlin heilig nannte.

Also, dachte Georg trübe, muß es wohl doch das Richtige sein, was sie jetzt tut? — Dann wünschte ich nur — o der Satan hole diese Verstricktheit der Welt! —, dies Tun wäre ihr vorgelegt, als sie den Montfort verlor, anstatt daß sie sich erst an mich hängte ... Wie lieb, wie sehr lieb wurde sie mir! —

Montfort ... Es blieb sonderbar und kaum verständlich, was diesen schwarzen Kentauren zu der stillen Gesellin gezogen hatte. Sie aber war unter dem sengenden Gestirn zu dieser erstaunlichen Frucht glücklicher Klugheit und fester Süße gereift, die — die er gekostet und verloren hatte; wie jene Andern ... Georg zog sich mit einem Seufzer aus seiner Schwermut und legte den Brief fort.

Indem fiel sein Blick auf das vor ihm liegende Buch, und er öffnete es in der Erinnerung, grade über seine Art zu sehen darin etwas bemerkt zu haben. Sein Blick traf alsbald auf die Worte:

‚Ich will mein Leben noch einmal von vorn durchdenken. Ich will aus dem Brunnen, Eimer um Eimer, die Vergangenheit heraufschöpfen, und aus jedem das Süße, das Herbe, das Giftige ziehen und einen Becher damit füllen, und dann will ich ihn trinken. Wohlan, wenn ich das Gift überlebe, so werde ich keines Todes mehr bedürfen.‘

Merkwürdig! habe ich das geschrieben? Warum so pompös? Warum so viel Geste? — Er blätterte weiter, kopfschüttelnd, indem er sich auf den Rand des Schreibtisches setzte. Zuerst wurde sein Auge von dieser Stelle festgehalten:

‚Im Niels Lyhne geblättert, diesem traurigsten aller Bücher. Aber was sehe ich da? Ich bin ein Bastard wie dieser Niels. Wir haben unedles Blut alle Beide und haben deshalb kein Anrecht auf jeden der beiden Throne, weder auf den des Lebens noch auf den der Phantasie. Usurpatoren des Lebens, fühlen wir in jeder Anstrengung, die wir machen, die Hoffnungslosigkeit aus Ursachen der Unrechtmäßigkeit. Wir — aber ich habe es noch etwas schlimmer als du, denn ich weiß, was ich bin. Du, Niels, hast es nicht gewußt, ich aber habe dich gelesen ...‘

Auffahrend aus dem Hinträumen über die letzten Zeilen, fiel Georg zu gleicher Zeit ein, daß er etwas Bestimmtes in den Aufzeichnungen hatte suchen wollen, und daß Anna auf ihn wartete. Unschlüssig noch ein paar Blätter umwendend, sah er den Regen wieder dichter strömen, und wieder auf das Geschriebene gerichtet, fing sein Blick die Überschrift ‚Erinnerung‘ auf. Darin mußte das stehn, was er suchte. Er konnte nicht loskommen, dachte: Anna kann warten — und: bei dem Regen!, tastete nach seiner Zigarettendose und Streichhölzern, begann, schon lesend, zu rauchen, und las nun, fliegender Augen, in immer kälterer Erregtheit.

Erinnerung