Ich hatte eine halbe Stunde im Lehnstuhl geschlafen und hörte erwachend noch schlaftrunken Mathilde, die einsame Winterfliege, in der Dämmerung umhersummen, friedfertig mit sich selber beschäftigt. (Tante Henriette pflegte die Winterfliege die unsterbliche Mathilde zu nennen, oder einfach Mathilde.)
Da erinnerte dies Summen nebst der winterlichen Dämmerung und dem Wärmestrom aus dem Ofen mich an etwas ähnlich Behagliches, und als ich suchte, fand ich mich nach einer Weile auf dem alten Sofa in meinem Zimmer der Pragerschen Wohnung. Die Fliege summte, es war warm und geheizt, ich hatte einen Roman im Schoß vom verehrten Scott, es war Sonntagnachmittag nach dem Essen, die Familie war in den Sonntagskleidern erschienen, das Tafeltuch frisch gewesen, Weingläser auf dem Tisch und alles freundlicher, heller als Wochentags und selten. Nun war alles still geworden; nur über den Flur aus der Küche tönten die Geräusche des abwaschenden Mädchens, und in Pausen immer wieder, schon lange hörbar und doch kaum gehört unterm Lesen, fernher die unendlichen schmetternden Roller eines Kanarienvogels.
Ach, diese Behaglichkeit, — wie alles Behagen nicht ohne einen geringen Zusatz von Öde! (Ungefähr so, als ob man gleichzeitig ein Durstgefühl hatte, nicht stark genug, um deswegen seine behagliche Lage aufzugeben, und auch zu unbestimmt nach was?) Und wie abgeschieden waren solche Stunden, was war ferner als der nächste Morgen, Schulgang und die fünf end- und trostlosen Stunden!
Aber auch diese Wintermorgende hatten ihr mehr grausiges Behagen! Das frostklappernde Aufstehn im Dunkel verlor seine Peinlichkeit alsbald im freundlichen, sehr hellen Licht der Gashängelampe, in dem alles warm wurde, eng das verschattete Zimmer, und noch höre ich in jenen Minuten, wo ich selber still war nach den heftigen Geräuschen des Zähneputzens und Waschens, die tiefe Lautlosigkeit, während des Anknöpfens der Hosenträger, wobei die Zeit stillzustehn schien, und auch von Benno nebenan war — vielleicht aus dem gleichen Grunde — nichts zu hören, so daß es plötzlich war, als sei in der ganzen Wohnung kein Mensch.
Es müßte einmal einer das Behagen der kleinen Dinge beschreiben, der allerkleinsten, jener, die jedem bekannt sind, so daß man nur daran zu erinnern braucht, und die doch niemand sich sagte. Jenes Empfinden etwa — reizvollsten Behagens ach warum nur? —, mit dem man beim Anziehn der Beinkleider zwischen den Schenkeln durch nach hinten faßt und das Hemd straff nach unten zieht, so daß man es am ganzen Rücken und auf den Schultern fühlt. Oder jene höchste Wonne des Erdendaseins, das reine Taghemd mit allen Plättfalten und seiner Frische, fertig mit allen Knöpfen ausgebreitet liegen zu sehn und nun über den nackten Leib zu streifen! Oder die nicht minder hohe, nachts mit einem brennenden Durst zu erwachen, ohne Licht zu machen noch die Augen auf, zum Waschtisch zu tappen und dann dazustehn und lechzend aus der vollen Karaffe ... Ah, wahrlich, nicht unfroh bin ich, das bürgerliche Dasein kennen gelernt zu haben! Werde ich auch jemals den Geruch von Tabaksrauch aus den Kleidern und der getragenen Wäsche meines Berliner Schrankes vergessen, jenen abscheulichen Geruch, der mir in der Erinnerung heute die ganze Welt versüßt?
Viele behagliche Dinge fallen mir ein. Einmal begleitete ich Benno und seine Eltern in den Sommerferien in einen Badeort an der Ostsee, Zempin glaube ich, hieß es, und unvergeßlich blieben mir die stillen, sonneglühenden Nachmittage dort, wenn von allen Veranden und Balkonen das Klirren der beim Decken des Kaffeetisches in die Untertassen gelegten Löffel hörbar war, ein so wechselnd getöntes Klirren. Dazu unaufhörliches und eintöniges Hühnergegacker. An Hotelzimmer muß ich denken, wie sie auf einmal bewohnt aussehn, wenn eine geöffnete Handtasche darin steht und auf dem Tisch eine metallene Seifendose und die Kristallflaschen mit silbernen Deckeln liegen, und es riecht nach Juchten ... Ein Abend im Schlößchen fällt mir ein: Virgo saß vor einer meiner Vitrinen in der Hocke, nahm jeden Gegenstand heraus und hielt ihn, selber im Schatten hockend, gegen das Licht hoch, Irisgläser, die persischen Federkästen, Porzellangruppen und was es nun war, fragte tausenderlei und erzählte kleine Schnurren. Eine behielt ich: wie sie als Kind zuweilen Kuchen stahl aus dem Korb im Büfett, hinterher aber für jedes Stück einen oder zwei Pfennige hinlegte. Sie nahm sie aus einem Portemonnaie von Perlmutter, so groß wie ein Auge ...
Ja, vielleicht ist es gerade die Erinnerung und sie allein, die dergleichen Dinge wertvoll macht, die an sich nichtig sind. Sie sind es, an die man sich erinnern kann. Ich versuche, mir Stunden des Glücks oder des Schmerzes vorzustellen, Stunden der Leidenschaft, der Erhebung zurückzurufen, aber wie kann ich sie leibhaft machen, da mir in diesem Augenblick doch jenes Feuer, jener Odem fehlt, der sie damals beseelte? Aber die unspürbar leisen Rhythmen innerster Bewegung, der Stille, des abgeschiednen Beruhens, sie läßt das gelinde Aufpochen des Fingers wieder schwingen, und wir nehmen sie gerne auf.
Aber dies Bild, warum blieb es in mir haften? Ein sehr stiller Raum, sonnig bei geschlossenen Vorhängen, von dem ich übrigens nichts sehe, als daß er eben da ist. Ich sitze an einem Tisch, an der anstoßenden Seite kniet auf einem Stuhl Anna als kleines Mädchen, halb über der Platte liegend, und da steht ein Wasserglas und liegen weiße Bogen und jene wunderbaren kleinen Hefte voll mattfarbiger, undeutlicher Bildchen, die aneinanderhängen, — Abziehbilder, jawohl, so hießen sie, und Anna und ich mühten uns ab, die ins Wasser getauchten auf reinem Papier festzudrücken und — zu warten. Dies Warten war unmöglich! Immer wieder, mit unsäglicher Behutsamkeit mußte ein Zipfel angelüpft werden, und immer war es noch weiß darunter, es mußte mit dem Finger wieder Wasser daraufgetropft werden, der halbe Tisch schwamm, und dann — ja, wie kann ich nur meine eigne Haltung, meinen eignen Ausdruck gesehen haben, mit dem ich den eben abgelüpften Zipfel wieder andrücke und vor Anna so tue, als wäre alles in Ordnung, obgleich ich doch genau sah, daß ich die zarte, bunte, naßglänzende Haut darunter angerissen habe ... Anna natürlich war die Geduld selber, und wenn sie einmal lüpfte, so kroch sie von oben fast unter das Papier; dabei stöhnte sie entsetzlich.
Und schon überfällt mich wieder ein andres: In der Geschwindigkeit eines Vorbeifahrens, über drei Stufen an einer Hausecke durch die offene Hälfte einer Tür aus geriffeltem Glase ein Blick in einen Bierschank: ein Stück von einem ungestrichenen Tisch, die blanken Messingkrahnen der Theke und dahinter das rote Gesicht des Wirts unter einem Öldruck der Kaiserin; er streift von einigen Biergläsern den Schaum mit einem kleinen Brett ...
Wann in aller Welt sah ich das jemals? Und warum in aller Welt grub es sich in mein Gehirn?