Oh seltsame Wege der Nerven! Einen halben Tag lang bis zum Einschlafen verbrachte ich gestern mit Grübeln über jener Erinnerung, umsonst. Heut morgen fällt mir beim Anziehn ein — in der Stunde, wo man nichts denkt, und das Denken sich selbst überlassen wirkt —, daß ich in der Nacht von der armen Helene träumte, und sofort sehe ich mich auf der Fahrt nach Helenenruh an ihrem Todestag und habe jenen Blick in die Tür des Bierausschanks. Wie aber kam ich gestern darauf? Nun, ganz gewiß hat auch etwas in mir, während ich das von den Abziehbildern schrieb, an Helenenruh gedacht, an Helene und an ihren Tod.

Ich habe nun weiter über das eigenartige Walten des Erinnerungsvermögens nachgesonnen, und mir ist folgendes klar geworden:

In dem leider einzigen Gespräch, das ich mit Josef Montfort hatte, stellte er unter mehreren anderen die Behauptung auf, daß der Mensch nichts je Erlebtes vergäße und an alles, wenn er nur wollte, sich erinnern könnte. Indem ich hieran dachte, sah ich ihn mir gegenübersitzen, wie damals im Kaffeehaus; fiel mir sogleich die Erregung auf, in der ich mich damals beim Hören befand, und schon hielt ich wie in einer Phiole das Element, in das getaucht ein erlebtes Bild Erinnerungskraft behält, ohne eignes Willenszutun von uns: leidenschaftliche Erregung. Gleich machte ich einige Proben: Damals die angstvolle Erwartung auf der Fahrt nach Helenenruh bewahrte mir jenes Bild und noch manches andre vom Weg, der vorüberflog. Ich denke niemals an meinen Vater, ohne ihn in dem Augenblick am Vortage meines achtzehnten Geburtstages zu sehn, wo er meine Hand preßte und etwas in mich hineinsprach, das ich nie behielt, da ich ein Augenmensch bin. Die Straßen meines Schulweges, mein letztes Klassenpult, Fenster, Wände und Bilder des Klassenraums, alle tausendmal gesehn in der täglichen Angsterwartung, stehen vor mir, daß ich die kleinste Beschmutzung, die geringste Entstellung daran beschreiben könnte. Fast glaube ich, daß Angstgefühle und Zustände des unsicheren, angstvollen Wartens die stärkste Macht zum Einprägen von Gesichtsbildern besitzen; angstvolles Warten, wo wir im brennenden Verlangen nach der einen Gestalt tausend Dinge mit glühendem Stempel des Auges in uns pressen, nur weil wir sehen müssen um jeden Preis, die Augen festklammern müssen, fiebernd uns mit Dingen beschäftigen. So erscheinen mir doch immer, wenn ich Renates gedenke, nicht einmal ihre Züge, sondern die Akazienwipfel der Güntherstraße, im Laternenlicht halbverschattet die graue Stirnseite ihres Hauses und erleuchtete Fenster, von damals her, als ich dorthin lief, nur gepeinigt vom Verlangen ihrer Nähe. Ja, Angst und Erwartung sind es, die ohne unser bewußtes Zutun jenes Könnenwollen der Erinnerung Josef Montforts bewirken, nicht nachträglich, sondern vorwegwirkend, denn in solchen Zuständen wollen wir sehen, obschon nicht das, was wir sehen.

Noch immer im Lauf der Tage ab und zu mit Erinnerungsdingen beschäftigt, mir selber unvermerkt auf der Suche nach Zuständen der Erregtheit und Bildern daraus, und indem ich immer die Probe machte auf das erste, augenblicklich hervorschnellende Bild, dachte ich an meine Corpszeit, und siehe da, was stellt sich mir dar? Das Speibecken in der Toilette, freilich immer benutzt zu Zeiten übelster Peinigung. Verfluchtes Ding! Daß so das Sinnlose zur Einrichtung führen konnte! Saufen in der Gewißheit, in der Hoffnung sogar, das Gesoffene wieder von sich zu geben. Der deutsche Student, vorstellbar im Bilde von Münchhausens halbiertem Pferd.

Ich rettete mich in einen Ausblick auf Bogner, und gleich sah ich ihn in Renates Kapelle stehn, einen Arm gegen die Wand gestützt. Damals malte er seine Engel, ich war wieder einmal Renates Nähe zugerannt, wir hatten dann ein Gespräch in der Nacht, und — gewiß, wir sprachen auch vom Tode, den Tod brachte ich in irgendeine Verbindung mit der Liebe, und da sagte er: nein, das sei vorläufig nichts für ihn ...

Heut sah ich Esthers Gespenst.

Ich ging auf breitem Ebbestrand. Das Meer war dunkel, bewegt, nicht stürmisch; der Himmel bewölkt und grau. Plötzlich läuft eine Fußspur vor mir auf, weibliche Füße, klein, etwas breit, und wie ich mich noch wundere über die seltene Erscheinung, muß ich erkennen, daß nach jedem dritten oder vierten Schritt der rechte Fuß leicht nach innen schlägt. Mir stand das Herz. Esther! dachte ich nur, folgte der Spur in einer unseligen Versunkenheit und — sehe sie in plötzlicher Biegung dem Wasser zu hineingehn und in den Wellen verschwinden.

Aus der Meerflut gekommen, mir erschienen, und wieder hineingegangen. Esther in dem rotvioletten Kleid, unschlüssig, traurig ...

Es ist natürlich die Magd gewesen. Und sie ist nicht in die See gegangen, sondern nur dichter an den Wellen her, zur Zeit als die Ebbe noch tiefer war, und als ich kam, hatte die steigende Flut die Spur fortgenommen.

Doch was geht das mich an? Ich saß im Zimmer und sah wieder den feurigen Roteichenbaum jenseits des Grabens, selber neben Esther auf der Bank, in angstvoller Erwartung dessen, was ich tun sollte und nicht können würde, und Erscheinung löste sich aus Erscheinung ...