Aber Esther selber entschwand bald. Die Zeit war zu lustig und hell für die nun so umflorte Gestalt. Noch einmal sah ich sie deutlich: ich selber stand auf dem kleinen Balkon vor dem Saal im Schlößchen, unten stand sie mit Herrn Vögeleins kleinem Neffen, warf seinen Ball zu mir herauf und ich ihn wieder hinunter, — noch glänzt mir ihr lächelnd erhobenes Gesicht. Dann sprang ich hinunter. Sie sagte: Nun ists genug, kommen Sie herunter! — und ich hatte die meines Wissens einzige Anwandlung von Tollkühnheit in meinem Leben und sprang ohne weiteres in die Tiefe, wobei ein Fuß leider zerbrach. Oh schöne Zeit, die mirs lohnte! Die Ferien standen nahe bevor, ich hätte nach Helenenruh fahren müssen, nun wars ein Vorwand zum Bleiben, ich konnte die langen Tage liegen und Besuche empfangen und Esther bei mir sitzen haben, und einmal sogar kam Renate. Leichteste Zeit! Um ins Haus Montfort gelangen zu können und nicht unprinzlich hüpfen zu müssen, ließ ich eine Hängematte außen mit violettem Samt, innen mit weißer Seide beziehn und durch die Ösen an beiden Enden eine vergoldete Stange schieben; dazu mietete ich zwei eben stellenlos gewordene Inder, Türsteher eines verkrachten Panoptikums, die mich zum Wagen und im Montfortschen Haus und Garten überall hintragen mußten. Das war einen Tag schön, dann standen sie überall im Wege, und ich gab das Ganze auf.

Eine Ansichtskarte fällt mir ein, die Renate oder Anna von Bogner und Ulrika bekam, als die Beiden einmal eine Reise machten. Darauf hatte er sie und sich abgebildet, wie sie auf einem Stuhl sitzt und ein Loch in seinem Strumpfhacken stopft, den er ihr, mit dem Rücken nach ihr vor ihr stehend, hinhält, mit der Umschrift: Sie wird mich in die Ferse stechen!

Halbe Nächte im Gespräch mit Sigurd und Benno über die ewigen Dinge. Leicht genug mögen sie gewesen sein, und wenn sie mir schon schwer waren, so war doch das Reden darüber zu leicht. Immer im Hintergrund aber, ob unsichtbar, war Esther, deren leises Eintreten ich immer erwartete, und kam es nicht oft?

Als wir einmal Alle beisammen waren, fragte jemand Jason, wie es eigentlich komme, daß er zu allen Frauen seiner Bekanntschaft Du sage. — Wie kommt es dann, fragte er hinwieder, daß sie es auch sagen, sobald ich es einmal getan habe? — Ach, ihr Männer, sagte er, da niemand eine Antwort hatte, zu meinem Zimmerofen sage ich auch Du, sind aber die Frauen nicht um vieles wärmender? Sie sagen gern wieder Du, wenn ich es sage.

Es ist immer viel mehr der Duft der Worte, den man wahrnimmt, wenn Jason spricht, als die Worte selbst, und ich glaube, Alle empfanden wie ich in jenem Augenblick, daß es kühl um uns war, daß wir uns Alle kühl waren, und vielleicht hätten wir eine Wahrheit entdeckt, wenn nicht einer von andern Dingen angefangen hätte, wie das immer zu sein pflegt, wenn Wahrheiten vor der Tür stehen.

Nun sehe ich Dora Vehm, — was ward aus ihr? — Ich sehe sie beim Krokett auf der Wiese, es war kein Spiel für Kinder, sondern lange, schwere Hämmer und wuchtige Kugeln. Sie aber schlug mit einer Kraft, Anmut und Sicherheit die großen Bälle weithin durch die Tore, gegen andre Kugeln, unaufhaltsam weiter ihres Wegs, daß es eine Wonne war, sie dabei zu sehn. Ihre Augen brannten, sie strahlte, ich sah Ägidi, der ruhig wie ich dabeistand, sie hatten jeder ihre Augen in der Gewalt.

Seltsam genug: für einen unernsten Menschen kann ich mich nicht halten, ich liebe die Schwermut vielleicht mehr, als daß ich sie habe, aber wie geht es zu, daß fast alle Erinnerungen heiter sind, die sich beschwören lassen? Noch heute fiel mir ein Fetzen Papier in die Hände, leserlich gekritzelt darauf:

Halbgöttinnen gehn am Gestade, — das stahlblaue Meer

Wirft Ketten von silbernen Fischen um ihre Füße.

Salzluft bereift der roten Lippen Süße,