‚Da ist nicht, der gerecht sei, auch nicht einer; da ist nicht, der verständig sei, da ist nicht, der nach Gott frage. Sie sind alle abgewichen und allesamt untüchtig geworden; da ist nicht, der Gutes tue, auch nicht Einer. Ihr Schlund ist ein offenes Grab, mit ihren Zungen handeln sie trüglich. Otterngift ist unter ihren Lippen. Ihr Mund ist voll Fluchens und Bitterkeit; ihre Füße sind eilend, Blut zu vergießen; auf ihren Wegen ist eitel Schaden und Herzeleid, und den Weg des Friedens wissen sie nicht.‘ (Römer 3, V. 10-17.)

Was aber ist das Gute? Es ist das heimliche Wissen der Verworrenheit, daß Klarheit sein sollte, und das offene Ahnen, daß Klarheit möglich ist. Das Gute ist das Böse, das an sich leidet, und wohlan, so wird es leiden, bis es sich durchgelitten hat, bis Geduld aufkeimt und Vertrauen wiederkehrt und endlich eine Kraft offenbar werden wird, die so göttlich ist unter den Menschen, daß sie ganz aussieht wie ein Gott.

Ja, daß sie Gestalt und Wesen und Kraft und Namen, alles haben wird von Gott.

Und seinen lange vergessenen Namen, vielleicht findet ihn jemand wieder, damit in Wahrheit auch Gott heiße, was allein göttlich ist: die Vollkommenheit.“

Georg schwieg. Magda saß, wie sie zugehört hatte, grade angelehnt mit geschlossenen Augen und bewegte sich nicht. Durch den tiefen Kummer, mit dem er ausgelesen hatte, fühlte er langsam das feierliche Empfinden von zuvor wieder durchdringen, und ein Blick durch das Fenster auf die besonnten Dächer und in die Klarheit des Äthers ließ es augenblicks schwellen wie zu einem Akkord. Gleich darauf hörte er Magda sprechen und schauderte leise, da er die gleichen Worte erkannte, die er von Renate gehört hatte, vor Mittag, dort in der Kapelle des Baums. Sie sagte:

„Und um so süßer verlockend das Wort ‚von Ewigkeit zu Ewigkeit‘ dir im Herzen ertönt: sprich dagegen: ‚von Augenblicke zu Augenblick‘ knüpf ich und webe ich das einzige Kleid meines Lebens. Zu wissen ist nicht not. Not ist, zu tun. In dem Tun wird die Liebe, in der Liebe das Wesen, in dem Wesen das Leben sein, das weder zeitlich noch ewig, sondern das in der Liebe ist.“

Sie verstummte, und um so weniger das Wort Liebe erschienen war in dem, was er gelesen hatte, um so tiefer fand er sich nun durch die Einsicht erschüttert, wie sehr die letzten gesprochenen Worte eine Ergänzung bildeten zu den gelesenen, fast so, als wären jene um dieser willen allein von ihm erdacht und geschrieben worden. Dann empfand er ein Glück, sie, die er am Morgen so anders, ja fast überhört hatte, noch einmal gesagt zu bekommen und nun besser zu verstehn. — —

Georg legte sein Buch fort. Er erhob sich dann, um, über den Schreibtisch gebeugt, nach draußen zu spähn, und entdeckte, als ob er ihr Vorhandensein geahnt hätte, auf der Terrasse Irene, Klemens und die Friedlichkeit, wie sie dabei waren, auf der leeren Fläche zu dritt spazieren zu gehn, Klemens links, die Hände auf dem Rücken, Irene rechts, beim Sprechen ihn anblickend, die Friedlichkeit, etwas schmal, in der Mitte. — Georg setzte sich wieder und sagte:

„Ein Rätsel. Unten gehn Klemens und Irene allein und sind eigentlich Drei, was ist das?“

Sie erwiderte getrost: „Oh ja, sie werden wohl bald Kinder haben ...“