Georg lachte herzlich, indem er so tat, als habe er diese Antwort gewünscht.
„Und nun,“ sagte sie, sich zurechtsetzend, „nun möchte ich noch über Benno mit dir sprechen“; wieder als ob sie vor einer Reise stünde und letzte Anordnungen treffen wolle. „Ihr werdet euch ja nun selten mehr sehn, und vielleicht erst in späteren Jahren wieder, denn du hast nun Schweres vor dir, und er geht ja nach Aachen als Kapellmeister und wird dort heiraten. — Sei nachsichtig mit ihm, Georg, denke nicht bitter und falsch von ihm, denn er ist doch dein Freund! Er ist vielleicht keiner der Stärksten im Wollen und Leisten; er ist von den Wünschenden, von den Schwebenden einer, die von allem möchten, daß es weicht und nicht nahe kommt. Er wird vielleicht niemals ganz sein können in Diesem oder Jenem, in der Kunst nicht und nicht im Leben, auch nicht im Glück oder Unglück. War er nicht immer unglücklich im Hause seiner Eltern, herumgestoßen und herumgescholten, und saß er an seinem Klavier, so war alles vergessen und er selig. Oft habe ich mit ihm über seine Anlage gesprochen. Er sagte, am liebsten sei ihm wie in Hölderlins Wort: ‚Wie so selig doch auch mitten im Leide mir ist!‘ Er hat keine Anlage zum Glücklichsein. Alldas wollt ich dir einmal sagen. Immer schwärmt er, nicht wahr? er liebt alles von weitem, in farbiger Verschwommenheit, und das Wirkliche ist ihm zu hart. Und die Kunst auch, ich glaube, sie ist ihm viel mehr ein warmer Strom, in dem er glückselig treibt, als ein Stoff, den er verarbeiten kann.“
Georg, der alles sehr gut verstand, ließ sie schweigen und weiterreden, da es ihr augenscheinlich wohltat.
„Vor kurzem klagte er wieder, daß er heiraten will und auch nicht. Ja, er schwankt noch immer, aber natürlich wird er es tun“ Sie lächelte. „Es ist ja zum Lachen, denn siehst du, es schadet ihm dabei gar nicht, daß seine Elfriede, wie ich höre, ein beinah lasterhaftes Geschöpf ist, jedenfalls leichtfertig bis zur Lasterhaftigkeit, obschon nicht voll Bosheit, — die an ihm weiter nichts haben will, als einen berühmten Mann, und wird er das nicht —, nun, aber auch das wird ihm nicht groß Schaden tun. Er wird doch bald einsehn, daß sie recht hat, und er leidet ja eben an ganz andern Dingen. Er wird dir wohl auch vorgeträumt haben vom Frühling und den Anfängen und alldem, und wie es viel schöner gewesen ist, seiner Elfe von fern nachzugehn durch die — hat er, Georg?“ Sie stimmte lebhaft ein in Georgs Lachen und fuhr fort: „Aber so braucht er das Leben. Er muß sein Glück immer in einem Unglück haben, und deshalb, siehst du, darfst du ihm die Gewißheit deiner Freundschaft und Liebe nicht nehmen, denn — ich weiß, Georg — die gehören zu seinen Schätzen. Deren Verlust würde ihn wirklich schmerzen.“
„Ich weiß, Anna, ich wußte alles, was du gesagt hast! Es ist wahr, er macht mich leicht unwirsch und —“
„Ja, du weißt es, Georg, und nicht deshalb habe ich es gesagt, aber du willst dich nicht immer danach richten! — Es wird ja auch gut sein, wenn ihr euch nicht so häufig seht. Kleine Verfremdungen schaden an sich nicht, aber sie sind wie so ein Loch in der Strumpfnaht, — man muß sie gleich in Frieden lassen, sonst reißts weiter und weiter. Es ist nun mal so mit uns Menschen. Ein Augenblick Nähe zuviel bringt uns weiter auseinander als Jahre der Trennung, aber —“
„Nein, Anna, was bist du doch klug geworden! Du bist ja klüger als ich!“
„Siehst du wohl! Es läuft keiner so schnell, daß man ihn nicht einholen könnte.“
„Na, das war aber Unsinn, Anna!“
Sie lachte, fügte sich aber schnell wieder zum Ernst und erhob sich, die Hände ausstreckend. Aber in diesem Augenblick schwoll das Feierliche um ihn fast gewaltsam auf, erschreckend, da es jetzt von der schmalen blauen Gestalt ausging, die ihn ansah, ergriffen und sonderbar ruhevoll zugleich.