„Und nun leb wohl, mein Georg!“ sagte sie mit wunderlicher Festigkeit, „mein Amt hat nun sein Ende. Ich hab dich noch einmal gesehn und weiß, daß ich nun nicht mehr vonnöten bin. Ja, Georg,“ sprach sie, seine Hände festhaltend, mit immer leidenschaftlicherer Innigkeit weiter: „du hast wieder einmal nichts gewußt, und für Rieferling war keine Zeit, und so ist er doch lieber gleich zu mir gekommen statt zu dir. Es war ja auch nur dumm, erst dich um Rat fragen zu wollen, ob ich mich auch ohne Augen getraute, einen Mann zu haben und Kinder zu kriegen — denn das will ich, Georg! —, und du hättest es ja nicht gewußt! Mein lieber großer Junge, es werden nun bald vier Jahr, daß ich den schweren Weg mit dir gegangen bin. Du hast es nicht gemerkt, aber ich habe es gewußt, daß ein Mensch nötig war, zu hoffen und zu glauben und bei dir zu sein mit tausend Gedanken der Liebe, mit aller Kraft, Tag und Nacht, mit dem ganzen glühenden Leben. So war es, und nun ist es gut. Georg, ich weiß, was du nicht weißt, und ich muß nun gehn und an mich selber denken. Ich nehme dir nicht mein Herz. Ein Herz kann nicht verrückt werden, es bleibt immer, wo es von Anfang war. Aber ich kann einen guten Menschen wohl lieb haben und mit Geben und Nehmen das schöne Gewebe des Lebens zusammen mit ihm flechten. Ich will auch meine Kinder haben und mein Haus, Alltage und Sonntage, und all die Freuden und Schmerzen der Gemeinsamkeit. Lebe wohl! Unsern Abschiedskuß haben wir uns vorhin schon gegeben, und ich will keinen andern mehr. Wir sehn uns auch bald wieder! Und heut abend hörst du mich singen.“

Sie brach ab, nahm ihre Hände, bevor er sie noch ganz an die Lippen hätte heben können, aus den seinen und ging zur Tür.

Georg stand am Fenster. Noch sah er sie vor sich stehn und hörte ihre Stimme, die, innig und warm, doch wie eines Engels Rede gesungen hatte, so leidenschaftlich und so seltsam unteilhaft. Ein heißer Krampf schüttelte seine Brust; er glaubte, in Tränen ausbrechen zu müssen, aber es blieb alles still, und aus einer unermeßlichen und feiertäglichen Leere sagte er langsam und schwer:

„Das — war — es.“

Überdem aber hörte er ihre Stimme von der Tür her, erinnerte sich, daß sie noch gegenwärtig war, und fragte, da er nicht verstanden hatte: „Was sagst du, Anna?“

„Ich sagte etwas, das ich dich schon lang hatte fragen wollen, Georg. Denn —“ sie machte einen Schritt auf ihn zu — „ich weiß wohl, in was du dich verstrickt hast, aber — in alldem — — Georg, hat es dich nicht unsagbar glücklich gemacht, zu wissen, daß er wirklich dein Vater war?“

„Wie — meinst du?“

Georg war zumut, als ob er sich auflöste. Oder als ob zwei Riesen, zwei Ungeheuer in ihm ihre verknoteten Leiber auseinanderrissen, und seine Glieder verschwanden ihm, sein Kopf wurde schwer wie ein Stein, er glaubte zu fallen, bemühte sich dabei mit brennender Heftigkeit, zu verstehn, was alldas heißen sollte, konnte aber nur würgen und nicht sprechen.

Auf einmal streckte sie beide Arme nach ihm aus. „Georg!“ schrie sie, „weißt du’s denn nicht? weißt du’s denn gar nicht?“

Irgend etwas zerfiel lautlos in ungeheure Stücke. Er zerrieselte hülflos. Bäume, Büsche, Rasen, eine Gestalt wirbelten um ihn her und verschlangen sich; dann wurde seine Umgebung eigentümlich schief, er dachte: Was ist denn jetzt? spürte einen leisen Schmerz an Schulter und Hüfte und mit einem abscheulichen Gefühl von Übelkeit, daß er lag. Über ihm flog eine klägliche Stimme: Georg, wo bist du denn? Er schloß die Augen.