Und nun wurde der ganze große und lichte Raum deutlich vor ihm, und jetzt, in einer blendenden Helle, sah er in einiger Entfernung sich gegenüber die drei Gestalten Bogners, Jasons und Renates in der Mitte, die ihm alle Drei nachblickten. Wunderbare Erscheinungen! zog es durch ihn; dann hielten Renates Augen ihn fest. Was für ein Ausdruck? Wollte sie etwas von ihm? Bewegte sie sich? — Und während sein Wesen sich krampfhaft zusammenzog, drehte er sich langsam um und ging im Taumel hinaus.

„Was ist dir?“ hörte er eine Stimme und sah sich im Freien. Hier war es dämmrig. Er mußte sich abwenden von Cornelia, und in einem Feuerstrom von gewaltsamen Ahnungen sah er Renate stehn, verlockend wie eh und je, und in einem Hauch von Bewegung nach ihm hin, ihn anzurühren, ihn mitzuziehn in eine Ewigkeit neuer Anfänge, neuer Schmerzen, neuer Versuche, neuen Schicksals, eine Unendlichkeit des Lebens von vorn zu beginnen.

Dies erlosch. Ihm war kalt. — Sie wird jetzt kommen, wußte er plötzlich. Dorthin, wo ich warte. Es war alles ein Irrtum. Alles gilt nicht. Ich werde warten. So wird es geschehn.

Die Blume

Im Vorwärtsschreiten fühlte Georg sich zu Eis geronnen vom Kopf zu den Füßen. Übergroß schwebte sein Haupt in einer maßlosen Betäubtheit. Dann brauste alles, und er bewegte sich in Strömen von Leidenschaft. — Mich hat sie geliebt! mich, mich, immer mich! sang er. Sie hat es nicht gewußt, sie ist die selige Unschuld, aber nun hat sie es erkannt, an einer Bewegung, einem Nichts, an meinem Ohr ... Sie kommt, ich werde warten!

Dann stürzte es ihn haushoch hinunter. Und wenn es doch Einbildung war, was er gesehn hatte? Bloße Einbildung? Diese Bewegung zu ihm? Weshalb denn dies Unmaß von Angst und Schwindel und Ahnung? Nein, er hatte recht gesehn! Alles war ein Irrtum gewesen, ein Irrtum, ein Irrtum! das ganze Leben, alle Leiden, alles was je war, — aber dies war Wahrheit, dies, seine Liebe, ihre Liebe, die allmächtigen Toren, die sich im letzten aller Augenblicke erkannten und weise wurden. Und er stand überm Land wie ein Turm; die Glocke seines Herzens schwang wie ein großer Adler und schrie: Ewig! Ewig!

Und das war es, das, was ihn hergeführt hatte: sie sollte er hier finden, deshalb hatte Bogner ihn mittags gebeten, deshalb hat es ihn hergetrieben, zu ihr, zu ihr, die alles lösen würde, alles, all seine Not, alle Schuld, alles!

Und nun erst begann das Leben! alles begann von vorn. —

Überdem ward ihm bewußt, daß er eine Anhöhe erstiegen hatte, und er erkannte sie als jene, die er vor kaum einer Stunde verließ. Nur war die Erde jetzt mit ihrem Schatten bedeckt, und die Dämmerung sank eilig. Über die dunklere Ebene hinweg sah er Farben des Himmels im West, goldene Streifen zwischen violetten Wolkenbänken, das regnende Fallen rötlicher Dünste, dazwischen Ausblicke auf unendlich ferne grüne Halden, die verhauchten. Darüber bebte das weißliche Gold wie Inneres von Äpfeln im Kühlen, — und noch höher ein tiefes Blau, gespannt wie ein Tuch, dehnte sich mählich verblassend über den ganzen Himmel aus, der so rein war wie eine Seele. — Ach, die Hand zu tauchen in die Farben Gottes und ein unsterbliches Bildnis des Lebens zu malen! War es unmöglich?

Die Wacholder warfen keine Schatten mehr, — Schatten selber gleichend, die aufrecht gestellt waren. Ihn fröstelte. Wird sie mich finden? Ich muß stehn bleiben, wie soll sie mich sehen? — Er wagte nicht, sich zum Hause zurückzudrehn. Nun Geduld! mahnte er sich, Geduld! Sie ist unterwegs, aber sie hat Zeit. Sie läßt sich Zeit, Renate läßt sich Zeit ...