Da ihm wieder die Brust schwellen wollte von Ängsten und Ungeduld, beschloß er, an andres zu denken, sich zu sammeln, sich abzulenken, — aber mit was? Was galt denn in dieser Stunde? — Bogners Bilder, ja, Bogner! Bogner galt. ‚Nichts ist der Mensch, doch das Werk, Götter vollbrachtens durch ihn.‘ Was für ein Spruch? — Er irrte mit Augen am Himmelsbogen, irgend etwas zu fassen. Da hing im Klaviersaal Bogners Bild ... Judith hieß sie ... das war lange her ... Damals lernte ich ihn kennen ... Georg dachte krampfhaft weiter. Welch ein Leben! Damals zur Ruhe gekommen nach schweren Stürmen. Nun wieder. Das letzte Mal? Damals schon mir so groß, wie war er nun erst gewachsen, ausgebreitet, beladen mit diesen heroischen Früchten! Heroische Früchte, ja, heroische Früchte ...

Aber weiter, weiter! was jetzt? Etwas denken! Etwas Wirkliches! Wirklichkeit ... Was ist wirklich? Wirklich ist nicht, was geschieht, sondern — — was? was? — — nicht, was geschieht, sondern — was der Geist aus dem Geschehenden macht. Wie Bogners Bilder. — Er fügte die Stücke des Satzes zusammen, — ja, sie paßten.

Erzitterte vor Aufregung. Da! rauschten da Schritte? Jetzt? Jetzt?

Da regte sich in ihm das gewaltsam Hinabgedrückte, Verbotne; aber er konnte ein wenig nachgeben und sich fragen: Warum, ja warum nur erfuhr ich dies heut erst von Magda? Warum diese Frist von neun Monaten? In neun Monaten wächst ein Keim sich zum Kind aus, — darum? — Ach nein, antwortete er sich selbst und lächelte dabei: Hätte ich es schon damals erfahren, so hätte ich es ja nicht überlebt. — —

Ja, und nun — was nun? — Hier ging es nicht weiter, und um ihn blieb alles still.

Orpheus! dachte er gequält, Orpheus! Warum Orpheus? Ach, sich nicht umzusehn, das war jetzt die Aufgabe! Geduld! Oh nur Geduld!

Nichts ... Stille ...

In diesem Augenblick, wo er nahe daran war, alles hinzuschütten und sich umzudrehn, fand er seine Augen angezogen von etwas zu seinen Füßen.

Dort war — seine Füße standen im Haidekraut — eine kleine kahle Stelle darin, weißlich von Sand, rund, wie eine Tonsur, nicht größer als ein Wagenrad. Mitten darein hatte sich eine gelbe Sternblume gestellt, wie sie sonst im Frühherbst in dieser Gegend zu erscheinen pflegten; eine sehr kleine Sonnenblume schien sie, nur statt mit schwarzer mit gelber Mitte, ein vollkommenes Abbild der Sonne; stand da, ein kleiner Irrtum der Natur, aber nun entschlossen, ihn aufrechtzuerhalten. — Georg atmete auf und lächelte.

Überdem, da er fortfuhr, die kleine Freundin zu betrachten, die sich da stillschweigend zu ihm gesellt hatte, wurde alles um ihn fortgenommen, so daß er nur noch die Blume sah. Dastehn sah er sie, auf ihrem dünnen, mattgrünen Stengel; sah ihn, wie er in Abständen kleine Zweige abteilte, die gefiedert waren; und sah oben auf leiser Biegung des Stiels das kleine gelbe Antlitz sich wiegen, in der Dämmrung sternhell, in einer unschuldigen und demütigen Haltung, — und Georg konnte im kleinen Umkreis um sie her den feinen Odem ihres Wesens und Daseins spüren, den sie ausatmete.