„Ja, dann,“ sagte er zögernd, „dann wird der Herzog wohl zu mir kommen wollen?“

Renate nickte und hörte Josef sardonisch fragen, ob er Angst vor Herzögen habe. Nun lachte er gütig, ergriff sein Glas und richtete sich mit Würde auf. „Dein Wohl, mein Kind,“ sagte er, „von Herzen dein Wohl und das seine! Ich werde den Herzog mit viel Freude empfangen, denn von ihm hat man ja nur Schönes und Gutes und —“ Er stockte, und Renate vermeinte, er erinnere sich, daß der Herzog verheiratet war, dann fuhr er mit plötzlich bebender Stimme fort: „— und Edles gehört.“ Das Glas entfiel seiner Hand, Tränen brachen stromweise aus seinen Augen, er drehte sich zu Josef um und stammelte: „Josef! Josef! Mein Sohn ist wiedergekommen! mein Sohn hat mich nicht verlassen, er war tot und ist wieder lebendig — geworden —“

Er brach ab, schluchzend an Josefs Brust, der, selber ganz grade stehend, ihn mit den Armen umschloß, einmal schnell und fest die Lippen auf seinen Kopf drückte und wieder grade stand.

Renate wandte sich glücklich ab und sah den Garten in der Sonne, den hellgrauen Sockel der Uhr und seltsam deutlich den Schatten des Zeigers auf der braunen Metallscheibe; die Stunde freilich war nicht zu erkennen; dann verschleierten sich ihre Augen. Bald darauf hörte sie das Weinen ihres Onkels leiser werden und Josefs liebevolle Frage, er sei gewiß müde, ob er sich nicht niederlegen wolle? — Ja, er sei müde, sehr müde ... kam die Antwort. Sie sah, sich wendend, wie er gebückt, glücklich lächelnd durch nasse Augen, sich von Josef fortführen ließ, und spürte, als habe das Wort ‚müde‘ sie verzaubert, nun eine rieselnde und süße Mattigkeit in allen Gliedern, die zugleich alles umher in Goldstaub und grünes Geflimmer auflöste. Sie überwand sich aber, plötzlich von einer Woge der Dankbarkeit und Liebe zu Josef überspült, rührte seinen Arm an, und da er sich umwandte, so legte sie die Arme auf seine Schultern, hob ihren Mund zu seinem, hatte aber nun so nah und deutlich die stramm gezogne, glatte und rote Haut seiner rechten Wange und darin das Augenloch mit den von allen Seiten zusammen- und hineingezerrten Falten dünner Haut vor sich, daß sie zurückgeschaudert wäre, wenn sie nicht wieder sein heiles Auge gesehn hätte und den Blick von sonderbar weichem Staunen, so daß ihr Mund nun stehn blieb, nicht weit von dem seinen, sekundenlange, während sie lächelte und ihn mit großer Zärtlichkeit anblickte. Zurückweichend, fühlte sie noch, daß er ihre rechte Hand ergriff und, das Gesicht sehr tief beugend, an den Mund drückte, und hörte ihn sehr leise sagen: „Es genügt. Ich habe nun nichts mehr zu wünschen und kann —“

Danach entschwand er ihr; sie verging sich selber in Schlafverlangen, empfand noch, daß sie im Gehen, daß da Ulrikas und Magdas Gesichter waren, daß sie sprach und ferne Stimmen hörte, dann, daß sie durch den Garten schwebte, und endlich, daß sie sehr tief lag. Sie öffnete mit Anstrengung die Augen, hoch über ihr war wunderbares Grün, von Bläue durchbrochen, ganz nahe über ihr Ulrikas Gesicht und das Ende einer Hängematte. Sie wollte die Hand zu Ulrika hinaufheben, brachte es aber nicht fertig, und dann war nichts mehr.

Sechstes Kapitel

Garten

Renate, die Augen aufschlagend, staunte über die Schönheit der Welt.

Vom Schlummer tief erquickt, lag sie im Grase, leicht, ungeblendeten Auges, im Innern zart im Entflüchten abwärts lächelnde, farbige Träume, vor Augen die nahe von allen Seiten herangedrängten grünen Nischen und Bögen von Flieder, Goldregen und Holunder — voll großer, noch grüner Beerenscheiben —, durchspannt von einer leeren Hängematte, durchstochen von langen, haarfeinen Goldstrahlen der Sonne, und nahe gegenüber seltsam schön und nachdenklich die durchsichtigen Züge Ulrikas; sie saß, seitwärts die Knie unterm blaßvioletten Rock, am Stamm der Kastanie; auf der goldenen Tunika mitten vor ihrer Brust brannte in feuriger Stille ein Sonnenfleck; das dunkelrote Haar war wieder in Flechten schwer aufgenommen; sie hatte die rechte Hand neben sich ins hohe Gras gestützt; die linke lag im Schoß zwischen einer großen, grünbeerigen Holunderscheibe und einigen aufgebrochenen Kastanien, grün mit noch weißem, feuchtem Kern. — Glücklich in sich, glaubte Renate sich atmend zu fühlen mit ganzem Leib, wie in der Mutter ein Kind, auswärts strebend nach keiner Richtung, sondern alles in sich habend, Natur und Menschen, Gegangenes und Kommendes. Ich bin glücklich, dachte sie dankbar, nun darf ich es sein! Oh, wie gut ist der Schlaf! Josef ist im Haus, Onkel gesund und froh, und Woldemar fern und nah ... Holunderbeeren ... Wann sah ich die einmal schwarz an Ulrika? Zu Irenes Hochzeit trug Ulrika sie im Haar, ein schwerer, böser Tag, und nun ist doch alles wieder heil.

„Sage, was denkst du, Ulrika?“ fragte sie leise. Ulrika wandte langsam das Gesicht herüber, ihre Augen glitten über Renate hin und blieben stehn; mit einem eigentümlichen Blick von Glücklichkeit und Ferne, den Renate nicht recht verstand, sagte sie: „Ich horche ...“