Bemüht zu lauschen, glaubte Renate in der Kapelle hinter sich Magdas Singstimme zu hören. Allein es war still. Ein kleiner Vogel zirpte entfernt im grünen Dickicht. Meinte sie den? Eine Scheu hinderte Renate, zu fragen.
„Du“, sagte Ulrika nach einer stillen Weile, „hast eine Stunde geschlafen, und ich war glücklich unterweil.“ Sie hob den Stoff im Schoße ein wenig an, so daß Holunder und Kastanien ins hohe Gras rollten, glättete ihr Kleid, ein paar winzige Blätter und Stacheln fortstreifend, und fuhr fort: „Glücklich. Eine volle Stunde. Freilich auch der Vormittag war schön, er war so heiter —, aber all das Bunte war nicht in mir, sondern lose herum, und auch das Glück meine ich nicht, das heiter ist, sondern das ernste. Eine Stunde davon, — vielleicht ist das so viel, wie ein Mensch wünschen darf, wenn ein Wunsch ihm freigestellt würde vom Schicksal. — Und nun geht es wieder weiter.“
Sie sprach sehr gefaßt. Ungewohnt tief klang Renate ihre langsame Stimme. „Sage nun alles“, bat sie schlicht.
Ulrika faltete die Hände um das Knie, lächelte, sah aufwärts, und mit einem Schlage war ihr ganzes Gesicht so heilig, daß Renate auf das tiefste erschrak und sich und alles vergaß, kaum hinzuschauen wagend und bald nur noch hörend.
„All meine Gedanken?“ sagte Ulrika leise. „Ich will es versuchen. Eben stand alles still. Ein Vogel zirpte irgendwo, und mehr war nicht. Die Sonne wanderte, ihre Strahlen kamen schräger, und so füllte sich langsam die Schleuse. Nun steht die Flut bis zum Rand, die Fahrt geht weiter. Es geht langsam im Anfang, da kann ich noch allerlei am Ufer sehn, das geräuschlos zurücktritt, und es dir nennen.
„Von ihm und mir, was früher war, weißt du alles. Zwischen Seele und Seele blieb alles so unverändert, wie ich es dir damals beschrieb, du wirst es noch wissen. Einmal machtest du einen Vers auf ihn, das ist lange her. Ein Selbsterzeugter und ein Selbsterzogner, so hieß es, und daran dacht’ ich heut, als dein Vetter Josef von der Selbstsucht sprach. Auch er hat mir einmal davon gesprochen. Die Bienen, so sagte er, lassen die Giftblumen aus, aber nicht so das männliche Herz im Flug durch die Welt. Auch aus Unrat und Gift den lebendigen Honig zu schmelzen, das ist die Aufgabe des Werdenden bis zum siebenzigsten und achtzigsten Jahr. — Alle seine Worte stehn unverlierbar in meinem Herzen.
„Doch liebe ich ihn nicht. — Ich fürchte ihn vielleicht.
„Zwanzig Jahre und mehr wuchs ich auf an mir selber, glaubte den Anforderungen des Lebens zu genügen, liebte meine Mutter und die Freunde, schrieb Briefe und las, nannte mich stolz eine Dienerin und fühlte daneben immerhin das Fehlende. Ich liebte niemand. Ich wußte es nicht, denn ich liebte die Kunst.
„Er aber liebt nicht die Kunst, und: man darf sie nicht lieben, sagt er, man darf sie nur haben. Zu lieben ist die Welt, Kunst ist nichts. — Der Schatten auf einem Blatt, die Runzel in einer Stirn, an einem Stuhlbein das zögernde Licht, des Baumes Wuchs und große Haltung, die Ebene, menschliches Lächeln, alle menschlichen Verwandlungen durch Trauer und Hoffnung, Trübsal, Geduld, Gram, Leichtheit und Tiefen, die sind seiner ernsten Seele lieb, und über diese gebeugt, macht er sie nach mit einer ungeheuren Kunst, die er hat, daß sie sich wieder erkennen und ihn ansehn und sich verwundern und sagen: Wir sind es. — Und dann sind sie schön.
„Oh, er sah sie so großäugig an, wie liebten sie ihn, sie sahen ihm lange nach, wenn er vorüberging, er wanderte ja tastend im Irrsal, aber er erzog sein Herz. Er diente. Er wurde weit, alles Land zog in ihn ein, Schicksale kamen und schlugen ihre Zelte in ihm auf, der Strom rollte um sein Herz, Vögel brachten Samen, und Bäume schlugen Wurzel auf ihm, und die Vögel spielten auf im Gezweig. Wir sind es! sangen sie, wir sind es! — In seinem Schatten schlief ich ein und war froh.