Blaß, leuchtenden, schwimmenden Auges blickte sie aufwärts, ihre Lippen zitterten, sie schluckte, dann fiel die Hand unter ihrem Herzen fort, sie setzte einmal, zweimal zum Sprechen an, bis die Worte kamen, ein Hauch:

„Gott! — Gott! — Gott! — Nun habe ich dir alles gesagt, was göttlich und schön war. Rein, rein, rein habe ich es dir hingehalten, habe keine gemeine Schlacke daran gelassen und es gehalten, wie einen schweren Spiegel, vor dein Gesicht. Nun — laß ichs — — fallen.“

Lange war es still. Mit brennenden und vergehenden Augen richtete Renate sich langsam auf, kniete, bückte sich auf Ulrikas Hand und küßte sie. In demselben Augenblick stürzte sie seitwärts mit Gesicht und Brust so schwer auf den Boden, daß Renate ein leises Dröhnen durch die Knie bis zum Herzen zittern fühlte. Die Luft war noch ganz voll von dem leisen Gesang der Liebe; Renate, hülflos auf die Daliegende blickend, weinte vor sich hin und sah mit grenzenlosem Mitleid diese goldenen Arme und die Hände über ihren Kopf lang hin geworfen, so daß sie dalag wie eine Angespülte. Schicksal und alles hatte sie ausgegossen und verströmt und war nun wohl so leer in dünner Hülle, daß der Schritt der Stunde, der sie träfe, einbrechen müßte; aber vielleicht stand die Stunde still, getraute sich nicht und ging leise einen andern Weg.

Renate wagte es endlich, legte sich zu Ulrika, faßte nach einer ihrer Hände; aber wenn sie auch neben einer Gestürzten lag, so empfand sie doch nur, daß sie ihre eigne, geringe Demut zu einer unendlich größeren gebettet hatte, und daß die Hülflose immer noch wie ein Engel war gegen sie. „Weine nicht, oh weine nicht!“ bat sie. Ist nicht Josefs Vater heil und gesund, fragte sie sich, Rettung suchend, ist nicht dieser Tag sonnig, begünstigt, was kann denn nur fehlen?

Ulrika setzte sich auf, auch Renate mußte es tun und sah, daß Ulrika nicht Tränen geweint hatte. Ihre Augen waren heiß, aber trocken, sie griff nach ihrem Haar, steckte eine gelockerte Flechte fest und sagte ruhiger:

„Was wußten wir von Kindern, Renate! Sage die Wahrheit! Sie kommen und sind da wie so vieles in der Welt, Häuser, Blumen, sind Freude oder Plage, und wir wußten wohl, daß wir eine bestimmte Beziehung zu ihnen haben sollten, aber wir bedachten es nicht. Im Gegenteil, man hat uns so erzogen, daß wir alles eher bedenken als sie. Du freilich bist klüger als ich, aber ich gehörte doch zu denen, die nichts wissen, denen am Hochzeitstage ihre Mutter weinend um den Hals fällt und unverständlich von grausigen Dingen spricht. Eine von denen, die beim Einrichten der neuen Wohnung hin und wieder so etwas hören wie: Vorläufig genügen ja vier Zimmer, aber wenn erst Kinder kommen ... Und man hört das nicht, denn hier ist — wie sagte dein kluger Vetter? — eine Lücke im Gesichtsfeld, die weiß der Himmel mit Keuschheit so viel zu tun hat wie der Teufel mit Gott.“

Renate, die unter unklarem Empfinden zustimmen mußte, hörte sie immer härter und zorniger weitersprechen:

„Und wenn wir auch dies und das in Büchern gelesen haben, um zu wissen, du wirst es ja zur rechten Zeit immerhin getan haben, wie ich es nicht tat, so lasen wir doch nur, — wie man auch von einer Löwenjagd liest, ohne zu denken, daß man je dazu kommen könnte. —“

Sie schwieg grüblerisch, Renates Gedanken waren weit fortgeeilt, sie faßte wieder Ulrikas Hand und sagte eilig: „Du, sage doch gleich: soll ich Magda bitten, daß wir nach Helenenruh fahren, wenn es soweit ist? Du weißt, ihr gehört Helenenruh, und —“

„Du weißt ja noch nicht alles,“ unterbrach Ulrika, aber sie lächelte danach und sagte: „Du bist doch ein praktisches Mädchen, Renate, ich hatte das gar nicht gewußt.“ Wieder dunkler blickend, fuhr sie fort: