„Ich fürchte mich vor dem Kind, ich erschrak zuerst namenlos, und noch heut kann ichs nicht glauben.“ Ihre Augen glänzten stumpf, als sie sagte: „Wir werden von bösen Geistern erzogen, Renate, zum Grimm erzogen, und —“ sie jammerte jetzt fast — „was soll ich mit einem Kind? was weiß ich von einem Kind?“ Sie lachte plötzlich verzerrt, ja grausam, indem sie schloß: „Ich hab nun schon seit Wochen die Vorstellung, daß ich sehe, wie mein schwarzer Flügel Kinder bekommt, immer eins nach dem andern.“ Sie brach schluchzend ab und verbarg ihr Gesicht.
Da merkte Renate mit leisem Schauder, daß etwas in ihr war, das dies nicht an sich herankommen lassen wollte. Sie wehrte sich Augenblicke lang besinnungslos nach zwei Seiten hin, und plötzlich stand der Herzog vor ihr. Entsetzt sprang sie auf, glühte und stieß rauh hervor: „Nein!“ Sie streckte die Hände von sich, krallte wild die Finger, biß sich auf die Lippen und sagte wieder: „Nein!“ und ein drittes Mal: „Nein!“ Sie sah Ulrika vor sich stehn, unbegreiflich dunkel glühte ihr das rote Haar. „Was sagst du?“ hörte sie von einer fremden, nahen Stimme und stammelte: „Was hast du gemacht, Ulrika, um Gottes willen, was hast du ...“
Dann wurde sie ihrer bewußt, rüttelte sich hart zusammen, strich mit der rechten Hand den linken Arm hinunter, mit der linken den rechten, schloß einen Haken am Halsausschnitt, zog am Saum der Tunika über den Knien und arbeitete unterdes mit gewaltiger Anstrengung innerlich an einem Koloß, der aus dem Wege sollte und mußte, und dann hatte sie ihn aus dem Weg. Eine schneidende Stimme zwischen ihren Schläfen sprach: Das war Unsinn. — Mit flackernden Augen und zitterndem Mund sagte sie zu Ulrika: „Man denkt diese Dinge nicht, man tut oder läßt sie.“ Noch brauste es um sie, sie stand frierend im warmen Schatten und sah einen feinen Sonnenstrahl durch das Laub, vorüber an einem zitternden Blatt, dessen Spitze er vergoldete, nach dem Stamm der Kastanie stechen, wo ein talergroßer Sonnenfleck erschien und drinnen, sehr deutlich und ganz hell, die Flecke und Falten der Borke. Rundherum war Grün und Schatten.
„Ja, und nun ist es genug,“ sagte sie kalt, „komm, sprich nun weiter, du Gute!“ und zog sie, an den Boden gleitend, mit sich nieder. Ulrika zauderte noch mit besorgten Augen, besann sich eine Weile und fing ruhig an zu sprechen:
„Damals, vor drei Monaten, schrieb ich an meinen Mann. Er lag damals vor Valparaiso, der Brief reiste ihm nach und erreichte ihn erst in Deutschland. Ich schrieb ihm, daß — daß wir ja nie verheiratet waren, daß ich bei ihm geblieben sei, weil er sagte, daß er mich liebe, und es wollte; daß ich nie gewußt hätte, was das heiße für ihn; daß ich seine Güte kaum begriffe, die nie gefordert habe, obgleich er doch im besten Vertrauen auf mein Wissen und meinen Willen vor Jahren den Bund mit mir schloß, dessen Erfüllung ich dann verweigerte; und dann schrieb ich, daß ich nun alles verstünde, weil ich selber liebte; daß ich ihn um Freiheit bitten müßte ... Mehr wagte ich damals nicht zu schreiben; es war ja auch wohl alles, für mich war es das, — freilich, was wissen wir von den Gedankengängen eines Andern?
„Dann kam er. Ein wortkarger Mensch war er stets, jetzt brachte er kaum ein Wort heraus. Seine Haut war braun von Meer und Sonne, aber es schien kein Blut darunter zu sein, sie war grau. Wenn es sein müßte, sagte er, so solle ich einen Andern lieben; meine Pflicht sei freilich, diese Liebe zu bekämpfen, doch sei das meine Sache, er habe ja mein Herz nicht in der Hand. Aber daß ich einem Andern gehören solle, das wäre nicht zu ertragen. Er ließe mich nicht frei.
„Vielleicht glaubst du, daß es in diesem Augenblick viel schwerer gewesen sein müßte, den Mut zu haben, den ich vor Monaten nicht hatte. Es war wohl auch kein Mut, es war — die Henne verjagt den Habicht blindlings, — hieß es nicht so? — Ich war eiskalt vor Angst, aber ich sagte ihm die Wahrheit.
„Er kam auf mich zu und sah mich nur an. Oh sein Gesicht, sein Gesicht! Laß! laß!“ rief Ulrika, die Hände vor den Augen. Sie ließ die Hände fallen, sah vor sich hin und sagte: „Wie Asche von Papier, so war es. Dann ging er hinaus. Er ist bei meiner Mutter gewesen und hat wohl den Namen erfahren. Aber das war vorgestern, bei Benvenuto ist er nicht gewesen, auch weiß niemand sein Haus, selbst seine Eltern wissen nur ungefähr, wo es liegt, und — du lieber Gott,“ schloß sie kopfschüttelnd, „was könnte Benvenuto geschehn!“
Seltsam klang Renate auf einmal der Name Benvenuto im Ohr, — als sei der Maler plötzlich ein andrer Mensch dadurch geworden, zarter gleichsam und nicht mehr so abgewandt. Indem sah sie Ulrikas stille, traurige Züge sich heben und von einem Lächeln kräuseln, als ob sie jemand ansehe, und hörte sie gleich darauf sagen: „Sieh da, Jason!“
Richtig — Renate wandte sich — stand dort Jason, halb verdeckt vom Buschwerk wie ein guter Geist der Gewächse, schwarz gekleidet, sehr weiß von Gesicht durch das Grüne ringsum; so nickte er von oben auf die im Grase Sitzenden mit freundlich glänzenden, schwarzen Augen und sagte: „Ein schöner Anblick, ihr Beiden, das muß ich sagen.“