Renate blickte sich um; Jason saß über ihr auf dem Drehstuhl vor der Orgel, hatte das rechte Schienbein quer vor sich auf den linken Oberschenkel gelegt, ganz hoch, und hielt es mit beiden Händen wie ein delikates Instrument.
„Kein Herz,“ sagte sie, „Jason, das geht zu weit, — aber —“
„Ach, ich habe mich wohl auch versprochen,“ unterbrach er sie, „ich meinte irgendeinen andern Gegenstand mit H —, warte, wir werden das gleich haben, Halsband, Handwerk —“ er zählte, innerlich suchend, weiter —, „Herrlichkeit, Hintertür, Hoheit, Humor! das wollen wir nehmen,“ schloß er blinzelnd und zufrieden, „und nun, was wolltest du sagen?“
„Ja, nun weiß ichs nicht mehr,“ lachte Renate. „Ulrika, vielleicht weißt du es.“
Ulrika, die Hände vor sich auf dem Tapet, sah aus, als ob sie eifrig nachsänne. Jason aber war aufgestanden. „Ja. — Ja, gewiß,“ meinte er zerstreut, vor sich hinsehend, „allein ...“ Er ging die Stufen hinunter, hielt an, sah angestrengt mit gerunzelter Stirn gegen den Fußboden und ging plötzlich durch den Raum und hinaus.
„Was hatte er denn?“ fragte Ulrika. Renate machte, ohne denken zu können, ein paar Griffe im Baß, formte einen Übergang, hörte gleich darauf Ulrika in der Mittellage einfallen, und dann waren sie, ab und zu einander mit Frage und Bejahung anblickend, im leichten, verfließenden Durcheinander der kunstlosen Verknüpfungen und Lösungen, die sie sich aufgaben und ausführten, bis wieder Jason zwischen ihnen stand und gewillt zu sprechen schien. Sie hörten auf, und er sagte zu Ulrika:
„Es wird doch besser sein, wenn du jetzt gehst. — Ich habe Reinhold gebeten, vorzufahren,“ sagte er leicht zu Renate hinüber, „möglicherweise ist es eilig. Aber du mußt dich nicht sorgen, Kind, ich kann mich auch irren“, endete er ermunternd, indem er die linke Hand auf Ulrikas Schulter legte, die still saß und gradeaus blickte. Sie stand nun wortlos auf, war aber sehr weiß im Gesicht, nickte Renate fremd lächelnd zu und ging mit Jason hinaus.
Renate sah sich an der niedern Brüstung des mittleren Fensters stehn, die alle drei weit offen waren. Nur Grün, nur Grün ... murmelte sie, hinausblickend. Oben hing ein Stückchen Himmelsblau herein wie eine Fahne, und Renate murmelte wieder, tief beklommen: Die letzte Fahne vom Fest ... Sie fröstelte mitten in der Wärme. Nun erinnerte sie sich des Onkels, — ob er noch schlief —? Und sie sah ihn sich weinend zu Josefs Schulter bücken und sah Josefs schnelle und feste Bewegung und die gepreßten Lippen, als er den Kopf neigte und ihn küßte und wieder grade stand. — Überflutend plötzlich wünschte sie inständig nach oben: Wäre doch der Tag schon zu Ende! — Warum bin ich nicht mit Ulrika gefahren? fragte sie sich unwillig, wandte sich nach einem Geräusch hinter ihrem Rücken um und sah Jason wieder eintreten. „Du bist nicht mit ihr?“ fragte sie enttäuscht.
Er antwortete nicht, und sie spürte etwas Erleichterung, weil er geblieben war. Jason ging zu Ulrikas Flügel, setzte sich davor, legte leise den Deckel nieder und drückte einmal fest und weich die Handflächen darauf. — Muß ich denn jetzt überall etwas wittern? fragte Renate sich ängstlich und verdrossen, — aber was dachte ich denn bei diesem Schließen von Ulrikas Klavier? — Sie wollte sich Worte Ulrikas ins Gedächtnis zurückrufen, aus jenem schönen Augenblick, wo sie lag und sang, fand aber kein Wort mehr und sagte nur zu Jason: „Ulrika hat vorhin von der Liebe gesprochen, so wundersam ...“
Jason nickte ein-, zweimal langsam mit dem Kopf, indem bemerkte Renate, daß er nicht mehr den Kopf schüttelte, und rief hocherfreut: „Was ist mit deinem Kopf, Jason?“