Er faßte nach der Stirn. „Ist etwas?“ fragte er unsicher.
„Das Schütteln, Jason, wo ist es?“
„Das Schütteln?“ fragte er. „Ach, es ist fort? Siehst du, ich habe es gewußt und habe es gesagt,“ fuhr er fröhlich fort, „die Zeit, prophezeite ich, wird es an sich nehmen, man muß nur zu warten verstehn und nicht immer denken, das, was gerade geschieht, ist das All- und Einzige, was überhaupt geschehen kann; es kommt vielmehr immer noch andres, immer noch andres, das ganze lange Leben hinunter, und mit dem Tode ist das wirklich auch nicht alles so sicher, wie die Lehrer sagen. — So, hat sie von der Liebe gesprochen? Das ist schön. Es wird so viel Mißbrauch getrieben mit der Liebe.“
Renate, dankbar und beruhigt, ihn nur sprechen zu hören, glitt auf die Fensterbrüstung und fragte, da er schwieg: „Inwiefern, Jason?“
„Zum Beispiel sagen manche, Liebe müsse auch treu sein. Ja, wie kann sie denn? Muß sie denn nicht sein, wie sie will, hat sie nicht einen Anfang, mitten im Leben des Menschen, und muß also ihr Ende haben? Ist sie nicht eine sonderbare Gabe, die keiner kommen sieht, keiner sich verschaffen kann, mit keiner Münze und mit keiner Kunst, und da wollt ihr sie nun verhaften und binden? Wenn sie kommen darf, muß sie nicht auch gehen dürfen? Ist sie nicht mehr ein Gefühl? Da sprechen Andre zum Geliebten: Wir lieben uns Beide, aber ich liebe dich mehr, und du liebst mich zu wenig, und heute liebst du mich nicht wie gestern und die andern Tage vorher, aber du hast mir Versprechungen gemacht, und wenn ich dir nicht glauben kann, kann ich dich auch nicht mehr lieben. Dann sagen sie auch: Du hast mir Liebe geschworen, und nun liebst du an andrer Stelle, was soll das bedeuten? und mit alledem verändern sie ihre eigne Liebe, machen sie groß und klein, je nachdem, und indem sie drüben dies und jenes fordern, tun sie doch selber jenes und dies. Oder auch da heiraten sie und zeugen Kinder und meinen, damit drückten sie nun ihre Liebe aus. Sie schmieden Pläne und haben schöne Gedanken, sie streiten herum, weinen und versöhnen sich, sie verdienen Geld, kochen und backen, mieten Wohnungen und sitzen viele Tage über Tapeten und Kücheneinrichtungen, und all das halten sie für Gestalten ihrer Liebe, und nun, es ist da wohl etwas Richtiges, denn es ist göttliche Eigenschaft, alle Gestalt annehmen zu können, sie aber wollen den Gott verhaften und binden mit dieser Gestalt, verhaften und binden, und martern sich selber allein und wissen nicht, daß der Gott alsbald auch wieder die Gestalt verläßt und kehrt nach Hause und wohnt bei sich selber. So ist die Liebe ein Gefühl, wohnt allein im Gefühl und läßt ihrer nicht spotten. Ulrika hat wahrlich die wunderbare Demut erlernt, denn sie liebt nur, sie liebt. Lieben, solange der Odem reicht, nicht fragen nach Gegenstand und Erwiderung, nach Plage und Wonne, nur ganz und gar sich darbringen, unverlangt und ungelohnt, wer hat euch das gelehrt? Und dann, Renate, danach, so Gott will, wirst du nach deinem Ende in eine schöne Blume verwandelt werden, deren Anfang dein Ende ist, eine Sonnenblume vielleicht, aber auch die einfache Primel trägt ein deutliches Zeichen an ihrem gelben Kleid, daß sie die Sonne sieht und nichts sieht als die Sonne, jene uralte, der dein weißer, zarter Freund Ech-en-Aton Stadt und Tempel baute, die an demselben Tage, wo er starb, verlassen und gestürzt wurden, dieweil die Menschen gehorchen und vergessen, er aber von ihrem Wege wich und in die ewige Verwandlung einging. Komm, Renate, wir wollen in den Garten gehn.“
Lindenallee
Wie schön war es nun, im Garten umherzugehn! Zu ihrer völligen Beruhigung legte Renate die linke Hand auf des kleineren Jason linke Schulter, und so gingen sie schweigsam und friedfertig auf den kleinen, engen Wegen, an der Veranda vorüber und um den Rasenplatz. Dem Haus gegenüber, an dem ihre Augen hinaufglitten, blieb Renate vor einem überraschenden Bilde stehn. Im Schlafzimmerfenster des Onkels war, nicht hoch über der Fensterbank, sein hoher Kopf und weißer Bart zu sehn, wie sie ihn des öftern während dieses Sommers sitzen gesehn hatte, da er den Blick von oben auf den Garten zu lieben schien; jetzt blickte er zu Josef auf, der in der linken Fensterhälfte ein wenig zurückstand und rauchte und sprach, die rechte Hand gegen den Rahmen gestützt, und in dieser Haltung beugte er sich eben vor und ließ mit klopfendem Zeigefinger ein Stück Asche von seiner Zigarre tropfen, wobei er Renates gewahr wurde, nickte und winkte, und jetzt wandte auch der Onkel die stillen, dunklen Augen her, lächelte und nickte. — Welch ein Frieden, ach, welche Erleichterung!
Schon im Weiterschreiten glaubte Renate im Fenster über den Beiden, dem des Erasmus, etwas zu gewahren, ging aber weiter, hörte Jason etwas sagen und sah währenddem aus dem unkenntlichen braun und grauen Haufen auf der Fensterbank, den sie bemerkt hatte, den Kopf und die eisenbekleideten Schultern des Erasmus werden, als ob er hinter der Fensterbrüstung kniete, eine sinnlose Vorstellung, da Erasmus in der Fabrik sein mußte. Es mochte ein Stück seiner Rüstung gewesen sein. — Sie fragte Jason, was er gesagt habe, und hörte ihn wiederholen, indem er stehen bleibend sie zum Halten zwang:
„Ich fragte, ob du dich eigentlich über nichts wundertest, wenn du mich solche Sätze sagen hörst wie soeben.“
Seine gedämpften, leise fragenden, ganz wenig ironisch zusammengezogenen Augen unter sich, versetzte sie: „Nein, Jason, ich finde es immer so schön, daß ich zu keinem andern Gedanken komme.“