„Das,“ sagte Jason, die Stirn senkend, „das ist es. Du triffst den Nagel auf den Kopf wie immer. So schön, daß ihr euch nicht das geringste dabei denkt, das tut ihr, ja, das tut ihr, oh welch unsagbar kümmerliche Einrichtung!“ Mit unendlichem Bedauern den Kopf wiegend, wanderte er weiter, indem er sagte: „Ich weiß es alles und trage es in schönen Perioden vor, ich, der ich kein andres Leben mehr habe als eben dies, zu wissen und zu sagen, und die Andern leben es, und das heißt: sie leben es nicht. Sie wissen nichts, auch du, wenn du in irgendeiner solchen Lage bist, auf die meine Sprüchlein passen, erinnerst du dich dann vielleicht des langmütigen Jason und seiner blühenden Erkenntnisse? Nein, denn dann seid ihr alle höchlich kurzmütig, dann ist da nur die fassungslose Geschwindigkeit, nur die Lage ist eben da, blindlings muß gehandelt werden, keiner besinnt sich, keiner befolgt andern Ratschluß als das brennende Verlangen seines gepeinigten Herzens, — ja, könntet ihr wohl an einem meiner Sätze gehn wie an einem sichern Geländer, könntet ihr darauf reiten oder fahren, wenn eure Füße müde geworden sind? Hundert und tausend Menschen kenne ich wohl, denen ich und meine Reden immer willkommen sind, aber würde vielleicht ein einziger dadurch klug? — Man hört, sagt ja, spricht von andern Dingen und vergißt, und dieses nennt man das tägliche Leben.“

„Es ist deine Schuld, Jason,“ sagte Renate mit leichter Wehmut, stehen bleibend vor den ersten Sonnenblumen an der Rückwand der Kapelle und undeutlich dies und jenes bedenkend, woran die zu stolzer Neigung erhobenen kleinen und strengen Antlitze sie erinnerten. — „Es ist deine Schuld, denn du sagst es zu schön. Du sagst es, wie soll ichs nennen, sanft einschläfernd. Du bist zu gut, Jason.“

„Und wäre ich böse, Schwester Sonnenblume, wer denn, glaubst du, wollte mich hören?“

Schwester Sonnenblume — tönte es seltsam in Renate nach, wer hatte das einmal zu ihr gesagt? Ach, sie selber hatte einmal eine Sonnenblume so angeredet an jenem Tage, wo Sigurd —, wo die Todesnachricht von Esther kam. — „Nun, was giebt es denn da?“ hörte sie Jason indem halblaut sagen und wandte sich.

Innerhalb der kleinen Lindenallee in der Nähe der Kapelle stehend, über die Kohlköpfe und Erdbeerpflanzungen des kleinen Gemüsegartens hinweg sah sie die rote, häßliche Rückwand des Herzbruchschen Hauses im Schatten, dann hinter dem Zaun eine Bewegung in dem dichten Holundergestrüpp, dessen Zweige schwerbelaubt und doldenvoll herüberhingen. Irenes blonder Kopf und schwarze Schultern wurden jenseits sichtbar, sie schien einen schweren Gegenstand durch das Buschwerk zu heben und zu drängen, einen Stuhl, und Renate fragte sich verwundert: Will sie herübersteigen? es ist doch eine Tür da! — Indem erschien am Ende der Lindenallee eine abenteuerliche Figur in schwarzem, faltig zerknittertem Hemde von Kaliko und brennendroten Strümpfen mit gerollten Wülsten unterhalb der Knie, und das wild aussehende, rote und schwarzbärtige Gesicht war das von Klemens, der, ohne sie und Jason zu sehn, stehen bleibend nach Irene hinüber starrte, deren Gesicht eben deutlich im Blätterwerk auftauchte und still blieb, gegen Klemens gewandt. Klemens schwang jetzt ruckweise einen und den andern Arm, stieg mit weiten Tritten über die Beete, hielt mitten und schrie außer sich Irene an:

„Was wollen Sie denn schon wieder? Wollen Sie mich bis ans Ende der Welt verfolgen? Sie — oh Sie, ich leugne diesen Vorfall, ich leugne ihn, ist Ihnen das noch immer nicht klar geworden? Soll ichs Ihnen beibringen?“

Mit zwei Sprüngen war er am Zaun, Irene streckte die Arme aus, über den Zaun zwischen ihnen faßten sie sich und fingen an sich zu küssen, so daß Renate vor besinnungslosem Staunen die Augen nicht abwenden konnte, und erst als sie gar nicht aufhören wollten, drehte sie sich, die Unterlippe zwischen den Zähnen, weg, sah den unverwandt und sehr teilnehmend das Schauspiel betrachtenden Jason neben sich, wollte etwas äußern, fühlte aber seine Hand am Arm, und er sagte, ohne den Kopf zu heben, leise: „Scht! man spricht nicht in der Tragödie.“

War das Ernst oder — —? — Sie wagte es, wieder zum Zaun zu blicken, da stand Klemens allein und keuchte, in den Büschen rauschte es noch. Er wurde jetzt der Beiden ansichtig, schüttelte den roten und schwarzen Kopf mit blinden Augen wie ein Stier, versuchte zu lachen, starrte an die Erde und kam langsam zwischen den Beeten heran. Vor ihnen blieb er stehn, stützte sich wie vorm Umfallen an einen Stamm und sagte: „O Gott!“ und noch einmal: „O Gott!“ so zerbrochen, daß Renates Herz klopfte. Dann sah er verloren auf, betrachtete seinen Ärmel, faßte den Saum mit den Fingern und wischte sich mit dem schwarzen Zeug überm Handrücken die Schweißtropfen von der Stirn.

„Nein,“ sagte er endlich, „geleugnet kann es wohl doch nicht werden, und nun kann ich ja hingehn und meinen Freund umbringen.“

Er schluchzte haltlos auf, die Tränen liefen ihm hell übers Gesicht. Mit beiden Händen am Leibe nach Taschen tastend, schien er seinen Anzug zu bemerken und schnob: „Der verfluchte Mummenschanz! Der verfluchte Mummenschanz ist an allem schuld!“ trocknete sich die Augen mit den Händen und blickte Renate trostlos an.