„Ich habe noch niemals“, sagte Jason ganz ergriffen, „an einem sonst vernünftigen Menschen ein so schreckliches Verhalten bemerkt. Und nun kehrt er wieder um.“
Klemens kam wieder zurück, ruhiger, wie es schien, blieb ein paar Schritte entfernt stehn und sagte:
„Noch ein Wort, Irene. Du befindest dich in einem Irrtum, denn: ich glaube dir nicht. Ich weiß von Otto, daß du seine Frau gar nicht gewesen bist, daß du ihn betrogen hast; endlich bist du zu ihm gegangen, und das war aus Angst vor mir, zu dem du nun von ihm wegläufst. Das genügt mir. Wenn du doch Kinder hättest! Dann könnt’ ich denken, du hast wenigstens deine Pflicht getan. Aber so — bloß mit einem Manne gelebt und gelacht und geschlafen, und jetzt das selbe mit mir —, und dann wirst du eines Tages kommen und sagen, du hättest dich wieder geirrt — so wie damals mit deiner Gottesmutter.“
„Warum so hart?“ sagte Renate, da sie Irene heftiger zittern fühlte, doch ließ die jetzt ihre Hand los und fragte: „Geirrt? wie meinst du das?“
„Ich meine,“ versetzte er und jetzt nicht ohne Haltung und Würde, „daß du damals ebensogut wie zu Otto zu mir hättest kommen können. Mich kanntest du freilich nicht und hättest mich schwerlich da gesucht, wo ich lag. Aber krank war ich auch, Pflege braucht ich auch, um genau dieselbe Zeit.“
Irene flog auf ihn zu, lachte, faßte seine Schultern, rief ganz erlöst: „Klemens! Aber dann wissen wir’s ja! Dann bin ich falsch gegangen! Dann war’s meine Schuld! Dann ist ja alles gut!“
Ohne sich zu bewegen, sah er sie an und versetzte: „Das meinst du! Ich finde aber, diese Erkenntnis kommt dir etwas spät. Wievielmal, sage, willst du denn noch fehlgehn? Sicherheit will ich. Deine Ehe und meine Freundschaft — all das soll hin sein? Sicherheit! Glaubst du, daß ich so eines Aberglaubens wegen der Dritte sein will?“
„Der Dritte?“ fragte sie zurückweichend.
Klemens warf einen Blick auf Renate und sagte: „Hattest du nicht einen himmlischen Bräutigam zuerst? Da gab dir der Himmel ein Zeichen, und du nahmst einen Andern. Nun erzählst du mir, das Zeichen war falsch, und kommst zum Dritten. Das soll ich glauben? Waren denn Otto und ich die einzigen Kranken in der Stadt? Wirst du nicht morgen kommen und sagen: Das Zeichen war falsch, es hieß überhaupt, daß ich Krankenschwester werden sollte? Darum sage ich —“ Er brach ab, sein Gesicht wurde weich, er sagte erschüttert: „Gott verzeih mir, Irene, ich bin zu hart zu dir gewesen. Das war wohl Unsinn, was ich geredet habe, aber auf all das kommt es ja gar nicht an, und auf unsre Liebe kommt es nicht an, sondern nur auf die Treue. Ich halte sie, ich halte sie, und wenn ich in Stücke gehe. Vergieb mir, vergiß mich! Aus uns wird nie was. Leb wohl!“ Er drehte sich schnell um und ging den Weg hinunter und verschwand. Irene stand hülflos.
„Vielleicht“, hörte Renate Jason neben sich sagen, „wunderst du dich nun, indem du meiner Reden gedenkst. Welch wunderbare Erläuterung! Wie hinfällig sieht doch die ganze schöne Liebe aus, vom Gesichtspunkt der Treue aus betrachtet.“