Sie machte vergebliche Anstrengungen, das Ganze zu begreifen, entschied sich vorläufig zum Mitleid mit Irene, zog sie an sich und fragte: „Was soll nun werden?“

„Ich kann nicht weiter“, erwiderte sie erschöpft, widerstand aber Renates Bemühung, ihren Kopf an die Brust zu ziehn, stumpf zu Boden blickend.

„Ja, nun — immer gleich helfen lassen“, sagte Jason. Irene blickte ihn fragend an. „O nein, nein, Kind,“ fuhr er gelassen fort, „möchtest du vielleicht Redensarten von mir hören? Nun sag uns nur einmal: warum willst du nun durchaus von deinem Mann fort?“

„Ach, Jason, du bist furchtbar,“ seufzte Irene, „glaubst du denn auch nicht, daß ich Klemens liebe?“

„Aber wie denn? Hab ich das gesagt? Er hat es doch selber anerkannt, daß du ihn liebst. — Ach so, nun willst du ihn auch heiraten. Ja, weißt du, das ist doch aber eigentlich etwas viel verlangt.“

Irene richtete sich auf. „Ich will ihn nicht heiraten. Ich weiß nur, daß ich bei Otto nicht bleiben darf. Herrgott, wie mir das jetzt unaufhörlich in Augen und Ohren brennt! Da kam Klemens zur Tür herein, damals, und dann hat er schon gebrüllt, und ich lauter, und dann wurde ich wie Holz, und dann war alles Haß. Jason, kann denn ein Mensch so schauerlich verblendet sein? Wie soll ich das jemals wieder gutmachen? Er spricht von seiner Freundschaft, ich hab sie nicht verstanden. Von meiner Ehe, — ich hab sie nicht verstanden, ich verstehe mich selber nicht, wie soll ich da wissen, was zu tun ist? Und nun —“ schloß sie, sich zusammenraffend, „nun will ich zu meinen Eltern.“

Sie nickte Renate und Jason zu und schritt ganz leicht und schwebend in ihrem schwarzen Kleid zwischen den Beeten hindurch zum Zaun, öffnete die Tür und verschwand.

„Ist es zu begreifen, Jason?“ fragte Renate vor sich hin. „Sie lieben sich und bekämpfen sich doch.“

„Sie bekämpfen einander nicht,“ sagte Jason verloren nach oben blickend, „sie bekämpfen nur immer sich selbst — durch den Andern. Sie stehen in Rauch und Flammen und suchen einen Brandstifter. Sie wollen jeder das Seine und lassen sich immer hindern. Wäre ich nicht so leicht,“ schloß er leise, den Kopf senkend, „wie, meint ihr, müßte alle Last meines Wissens mich zu Boden drücken. Oder nein,“ verbesserte er sich trübe, „ich bin der Schwere, denn die Wahrheit ist immer leicht — für den, der sie nicht braucht.“

Renate hörte ihn wehmütig an, sah auf einmal ihre Hände, in die sie verloren hineinblickte, fand sie unsauber und erinnerte sich, daß sie sich im Ankleidezelt der Burg zuletzt gewaschen hatte. Gleich ergriff sie der Wunsch, zu baden, mit unerklärlicher Heftigkeit, sie setzte sich in Bewegung, Jason ging schweigend mit, so kamen sie ins Haus, wo ihnen Magda begegnete, Renates lavendelblaues Kleid über dem Arm.