„Könntest du mir wohl helfen?“ bat sie verlegen lächelnd. „Ich habe mir doch dein Kleid für heut abend zurechtgemacht, aber hier am Ausschnitt will es nicht sitzen ...“

Renate, bereitwillig lächelnd, setzte sich in einen Sessel der Halle, nahm das Kleid auseinander, hob aber den Kopf und sagte: „Bitte, Kind, erlaube, daß ich mich eben etwas wasche, ich komme dann gleich und helfe. Wie spät ist es eigentlich?“

„Es wird sechs Uhr sein,“ meinte Magda; „willst du nicht bleiben, Jason?“ fragte sie ihn, der an der Tür stand.

„Richtig, wohl,“ versetzte er mit nachdenklich auf Renate gerichteten Augen, „ich kann auch bleiben.“

Renate wollte sich erheben, indem kam er zu ihr, sah immer nachdenklicher auf sie herunter, beugte sich dann und küßte sie auf die Stirn. Sie litt es lächelnd und erfreut, sah ihm nach, wie er zur Verandatür ging und dort stehen blieb, stand auf, nickte Magda zu und ging hinaus.

Siebentes Kapitel

Garten

Georg, in einer dumpfen, ihn selber dunkel befremdenden Verfassung, betrat sein Zimmer und stand minutenlang zwischen dem Schreibtisch und den Fenstern im leeren Raum, der Tür zum Speisezimmer zugewendet, leise erstaunend über die große Pracht der Nachmittagsonne, die nebenan hinter den geschlossenen Vorhängen den Flügel, die Wände, Vitrine und die gläserne Apsis sehr geheimnisvoll und edel erscheinen ließ. Die Sonne, dachte Georg, ist dieselbe wie am Vormittag, nur aus einer andern Richtung, aber mein Herz drehte sich ganz herum nach unten. „Nun, Egon, bist du wieder da? Wie war es denn?“

Warum spreche ich so leise? Wunderte sich Georg. — Egon versicherte, es sei fabelhaft gewesen. Im Garten, sagte er, warte ein Herr, Herr Dr. Klemens ... Georg nickte, bat Egon, sich in einer halben Stunde bereitzuhalten, und konnte wieder nicht laut sprechen. Ich konnte es doch eben, dachte er, setzte sich vor den Schreibtisch und stützte den Kopf in die Hand; — aber ich glaube, es kostete mich eine furchtbare Anstrengung ... Er hörte sich wieder die Rede halten im Ständehaus: „... keine Versprechungen, meine Herren, es schiene mir lächerlich, das Vertrauen, mit dem Sie nach mir blicken mögen ... Nur die sichtbare Gestalt des Mannes, den ich mit tiefster Scheu und Ehrfurcht Vater nenne, dessen jahrelanges Wirken, unermüdlich zum Wohle ... Nur er, dessen kräftiger Unterstützung ich tief bedarf und in dieser ernstesten aller Stunden erbitte ...“ Ach, dachte Georg, das war schön, das war schön! Wie es mir die ganze gelernte Rede mitten zerriß, weil er groß und mächtig dastand in dem roten Waffenrock und mir das Herz zum Springen füllte mit heiliger Sehnsucht und Liebe ... Nein, mein Gott, wenn ich der wirklich wäre, der ich sein soll, ich glaube nicht, daß ich nur halb das empfinden könnte, was ich nun empfand.

Vor ihm erschienen die bärtigen Altmännergesichter, Kneifer, Kahlköpfe, vielen Fräcke im großen Ständehaussaal, alle Arme gingen hoch, er hörte seinen Namen gerufen ... Er schauderte nach. Seine Blicke, an ihm heruntergleitend, ließen ihn die hellblaue Uniform gewahren, in der er steckte, er lächelte und dachte: Nein, diese im Viereck aufmarschierten Dragoner und Füsiliere, die waren doch nur sonderbar, ebenso wie die krähende und überlaute Stimme, welche die Eidesformel verlas. Tüchtig war’s wohl, die Hurras knallten wie mit dem Hammer festgenagelt, man müßte sie noch sehen können an der Wand. — Ja, nun werde ich wohl erst eine Weile Soldat werden müssen, vielleicht ist es das beste. Vater kann ich nicht verlieren, kann’s nicht, kann’s nicht. Aber gut, daß es schwer ist. Wenn es leicht wäre, was wäre es dann? Er sprang auf, riß Haken und Knöpfe der warmen, engen Uniform auf, ging zum Bücherbord, hob einen kleinen Band aus der Tiefe, las mit verschleierten Augen die goldenen Buchstaben B. Cellini, küßte sie hastig, stellte den Band fort, richtete sich grade auf und ging in den Garten.