Was war das? Habe ich geträumt? — Das Herz klopfte ihm dicht unterm Halse, er fühlte sich seltsam schlaff, elend und an alles ausgeliefert. Wüste Furcht krauste ihm die Haut des Rückens, des Kopfes und der Stirn. Er schüttelte sich und fühlte sich sehr müde im Körper; aber der Geist war frei. Er sah nach dem Orion, aber nachdem der einen Augenblick über ihm aufgeblitzt war, war er völlig verschwunden, die Nacht ganz leer an seiner Stelle.

Georg fuhr sich mit der Hand über die Augen. Das ist ja unheimlich, murmelte er. Die Augen wieder öffnend, sah er zu seinem heftigen Entsetzen die Umrisse eines Riesen von flammend blauer Farbe am Himmel schweben; sie entfernten sich langsam, wurden kleiner und kleiner und verschwanden.

Da! Wieder die drei starken Schläge an der Tür — — es mußte unten die Tür der Sternwarte sein. Georg stand wankend auf, packte mit letzter Kraft seine Furcht und stieß sie fort. Einen Augenblick stand er wütend, konnte nichts sehn, dann lief eine große, schneeweiße Kugel auf der Mauerbrüstung vor ihm bis zum Rand, schwebte dann und entfernte sich nach rechts. Da peitschte das Entsetzen auf ihn ein, er stürzte zum Treppenschacht, die eisernen Stufen dröhnten unter seinen Füßen, er stolperte, rutschte am Geländer hinab, gewahrte dann den Lichtschein in der getäfelten Halle. Kaum aber, daß er die sieben Flammen des Kronleuchters und die beleuchtete Tischplatte ins Auge gefaßt hatte, einen Pulsschlag lang beruhigt, waren sie verschwunden. Er warf den Kopf herum, sah die Tür, die zum Gang ins Schloß führte, wollte drauf zu, aber sie war nicht mehr da.

Vor Angst kaum noch wissend, was er tat, ging Georg mit vorgestreckten Händen tastend auf die Pforte zu, erlangte einen Pfosten, ertastete die Klinke, riß auf und taumelte zurück vor einer finster schwarzen Gestalt, die darin stand, augenlos, eine spitze Gugelkappe anstatt des Kopfes auf den Schultern. Georgs Schrei vergurgelte, da die Gestalt im selben Augenblick spurlos verschwunden war. Statt ihrer sah er jetzt seinen eignen Schatten riesenhaft über die wieder sichtbare Tür ins Getäfel heraufsteigen, ein furchtbar beängstigender Anblick, so daß er beide Fäuste in die Augen stieß. So, einen Augenblick in sich selbst zurückgepreßt, gelang es ihm, sich zuzustammeln: du fürchtest dich nicht, nein, das ist seine Furcht, das ist — er fand nicht, was es war, fühlte sich wehrlos, ergrimmte, würgte sich minutenlang herum mit der Furcht, riß die Augen auf und sah zu seinem unermeßlichen Staunen einen feurig roten Engel dicht vor sich stehn, leider ohne Haupt, die Fittiche weit entfaltet, doch schrumpfte er alsbald zusammen und schwand, während Georg, zerrissen von Wut und Entsetzen, mit geballten Fäusten auf ihn zutaumelte.

Da stand er vor der Tür, die ins Freie führte und stieß sie auf. Gott im Himmel, es stand wieder der Schwarze darin, ohne Haupt und Augen, nur die Gugelkappe zwischen den Schultern.

Nein, was denn, was denn? Nichts war da, sondern ein wunderbarer Gang von milchfarbenen Säulen, die von innen bläulich erleuchtet waren, hunderte in einer Reihe, die ins Endlose führte. Georg starrte so lange hin, bis sie in sich zerflossen. Da war die Nacht draußen, am Pfosten, zur Seite getreten, stand der Schwarze, und dort, mitten auf dem weißen Wege, in der Dämmrung, ein zweiter, still, ohne Bewegung. Georg warf sich herum ... Es waren drei! Der dritte stand — es war der erste — in der andern Tür, und Georg wich, gefühllos geworden, rückwärts bis zur Wand, fühlte sie mit den Händen hinter sich und lehnte sich daran. Der Schwarze in der Gangtür war schon wieder fort, aber der andre war ins Zimmer gekommen, wo er sofort verschwand, jedoch in die Tür trat der dritte und verschwand, aber nun war der erste wieder sichtbar, war näher gekommen und stand dicht neben dem siebenarmigen Leuchter, der im selben Augenblick ausgelöscht und nicht mehr da war.

Georg schloß die Augen, versuchte zu lauschen, hörte aber keinen Laut.

Als er die Augen zu öffnen versuchte, standen da drei Schwarze mit Gugelkappen in einer Reihe, einen Augenblick, dann waren sie fort. Alsbald jedoch erschien der linksstehende wieder, der in der Mitte alsdann, zuletzt der rechte. Kalte Tropfen liefen über Georgs Stirn, sein Haar knisterte, er krallte die Finger hinter sich in die Wand und hörte jetzt eine sanfte und schöne Stimme sagen:

„Nicht fürchten ...“

Er richtete sich schlotternd auf. „Ich fürchte mich nicht,“ stammelte er, „was willst du?“