„Ach ja, Josef,“ rief sie rasch, im Gefühl, von etwas andrem reden zu müssen, „ich wollte dich ja auch immer etwas fragen. Nun fällt mirs wieder ein, da du vom Zelt redest!“
„Nun?“
„Warum hast du dich mir eigentlich heut gezeigt?“ Sie trat auf ihn zu, liebevoll. „Hast du doch geahnt, daß ich dich brauchte? Oder was trieb dich?“
Er antwortete nicht, sondern sah sie nur fest an durch die Dunkelheit. Alsdann wandte er das Auge fort und trat zur Seite.
„Die Antwort“, sagte er, in das Dunkel der Wiesen blickend, „ist nicht leicht. Du fragst nämlich nach meinem Geheimnis. Ich werde es dir gleich erklären. Ja,“ hörte sie ihn mit einer schönen Ruhigkeit fortfahren, „das Geheimnis meines Lebens. Es hat endlich — vor einigen Tagen — seine Lösung gefunden; und also wurde es Zeit, zur Versöhnung zu schreiten.“
„Mit deinem Vater?“ fragte sie hastig, und er erwiderte mit gesenkter Stimme: „Jawohl“, — aber das klang wie eine Verneinung, und er setzte eilig hinzu: „Versöhnung, ja, wenn du das Wort in einem sehr weiten Sinne —“ Er brach ab.
Da waren sie am Zaun, gingen durch das schief wie immer zur Erde hangende Pförtchen, über die Brückenplanke und weiter den weichen Wiesenpfad, wo Renate seine Hand wieder losließ. Bald war das Rauschen des Wehrs zur Linken hörbar, über ihnen war der rote Himmel der Stadt. Renate bat: „Komm ans Wasser!“ Sie bogen vom Wege ab und gingen unsicher und stolpernd über die sommerdürren Buckel der Wiese im tiefen Grund. Baumsilhouetten wuchsen über ihnen aus dem Dunkel, dann wurde die schwarze Linie des hohen Ufers sichtbar, da war der Hang, Renate stieg von Josef gestützt hinan, oben empfing sie das laute Brausen der stürzenden Wasser. Die Geländer der schmalen Holzbrücke waren zu sehn, die über den Fluß führte gerade dort, wo die Wasser abstürzten. Renate ging daraufzu und sah einen Augenblick mit leichtem Schwindel, umrauscht vom jähen Getöse, unter sich die dämmerweiße, schräge Ebene von Schaum, die ihren Blick in das tosende Wirrsal gelblich weißen Gischts hinunterriß und weiter hindurch, wo dies entströmte in die dunkle, langsam sich glättende Fläche des Stroms, wo gemauerte Wände dunkel standen, Bäume, und Sterne zu sehen waren. Sie faßte den dünnen Geländerbalken vor sich mit den Händen und gab sich dem Donner der Fluten und dem geheimnisvollen Niederschießen des Weißen hin, in aller Weite doch eingeengt durch die Betäubung des Ohrs; dann sah sie zu ihrer Linken dicht neben sich Josef auf dem Geländer sitzen, ganz dunkel. Unsicher hob sie die linke Hand und streckte sie nach ihm aus; er nahm sie, hielt sie mit seiner linken auf dem Oberschenkel und deckte die rechte darüber. Sie glaubte, ihn etwas sagen zu hören, verstand nichts und sah fragend in den dämmrigen Schein seines Gesichts. Nun beugte er sich näher und sagte, ihre Hand fahren lassend: „Sei so gut und tritt etwas zurück.“
Sie tats unwillkürlich, doch war gleich hinter ihr das Geländer, an das sie sich lehnte.
„Kannst du meine Stimme verstehn?“ fragte er durch das Rauschen.