„Dann, mein Kind,“ fing er nach einer Weile wieder an, „dürfte es an der Zeit sein, dir mein Geheimnis zu sagen. Wie dir bekannt sein wird, hat jeder Mensch sein Geheimnis, das nur der Tod oder höchstens die Geliebte erfährt. So erlaube mir, dich dafür anzusehn. Höre zu. Was in meinem Brief gestanden hat, dem Abschiedsbrief, das sind lauter Lügen gewesen. Nicht so gemeine, senkrechte Lügen, wie man sie alltäglich gebraucht, sondern feine, schräge natürlich, und zwar deshalb, weil da hundert Gründe für mein Fortgehn angegeben wurden, statt des einen wirklichen. Nun höre wohl zu ...“
Er schwieg Augenblicke lang, dasitzend schräg auf dem Geländer, eine Hand auf dem Knie, die er zu betrachten schien, während er mit gelassener Stimme fortfuhr:
„Der einzig und alleinige Grund, den ich dir nun zu verraten habe, war der: daß ich auszog, das Fürchten zu lernen. Lächle meinetwegen, Mädchen,“ sagte er, flüchtig aufblickend, „du weißt nicht, was du tust. Sich nicht fürchten, denkst du, das ist weiter nichts, oder man nennts auch Tapferkeit, wovon ich freilich nicht rede. Wovon ich rede, das ist: sich nicht fürchten können und doch immer: sich fürchten wollen, fürchten müssen, ja einfach eine unwiderstehliche, eine maßlose, eine wütende Lust nach dem haben, vor dem sich grausen ließe. Verstehst du’s vielleicht? Oder soll ich dirs erklären? Was mag es denn wohl heißen für einen Knaben, daß er Tiere langsam zu Tode martern muß und dabei warten, bis aus ihren nicht verstehenden Augen das Grauen überschlägt in die eignen? Nicht gefürchtet. Siehe auch einen Jugendlichen, der die kleinen Tiere satt hat, zum Schlachthof gehn und dem Totschläger der Bullen die Axt fortnehmen und Stiere und Rinder in Reihen erschlagen, um zu sehen, wie der Tod in ihre Augen und das Feuer darin zu blauer Asche tritt. Nicht gefürchtet. Ich habe gesehn, kann ich dir sagen — denn zum andern bekam ich naturgemäß die Gabe, immer dort zu sein, wo es etwas zu fürchten gab —, wie Menschen sich von Rädern zermalmen ließen. Nicht gefürchtet. Ich sah Menschen bei Feuersbrünsten aus Wolkenkratzern hüpfen wie die Flöhe und auf dem Pflaster unten zerspritzen wie Gefülltes. Nicht gefürchtet. Ich sah den Lift aus der Höhe herunter sausen und seinen zerquetschten, noch lebenden Inhalt im Kellerschacht. Nicht gefürchtet. Ich habe Männer bei langsamem Feuer rösten sehn — nicht gefürchtet; Kinder bei satanischen Messen lebendig zerlegen — nicht gefürchtet. Ich habe mir alle Arten der Hinrichtung besehn, Strick, Stuhl, Axt und Maschine. Ich sah in China Menschen, denen die Köpfe von zurückschnellenden Bambusbäumen ausgerissen wurden, die durch Tropfen von Wasser auf die bloßen Schädel zum Rasen gebracht wurden, — nicht gefürchtet, — Frauen, die bis an den Schoß in die Erde gegraben wurden, und denen ein schnellwachsendes Gewächs ... nicht gefürchtet. Ich habe alle diese Menschen zur Richtstätte führen, in Todesangst schlottern und wahnsinnig werden sehn — nicht gefürchtet. Ich —“
Plötzlich fühlte Renate, die ganz erloschenen Leibes mit zugefallenen Lidern gehört und gehört hatte, ihre Handgelenke von Händen ergriffen, sich vorwärts gezogen und ihre eine Hand mitten auf seine Brust gelegt. Sie konnte die Augen nicht aufbringen, als sie ihn jetzt sagen hörte:
„Da! Fühlst du mein Herz? Hier mitten in der Brust, nicht wie beim gemeinen Volk links oder gar rechts, da — kannst du den Schlag fühlen?“
Er zählte, und wie er langsam, langsam die Zahlen sagte, und sie mitzählte: „Eins — — — zwei — — — drei — — — vier — —“, hörte, fühlte sie die entsetzliche Langsamkeit des Schlagens darunter, kein Herz, ein eisernes Gangwerk, und Josef sagte:
„Spürst du’s nun? Kennst du den Schlag? Er ist gar nicht so langsam, wie dirs vielleicht vorkommen mag, er ist der Schlag der Sekunde. Aber! Dies Herz, dieser Schlag ist nur in einem einzigen Augenblick meines Lebens schneller gegangen. Begreifst du, was das heißt? Ah, Kind, das heißt, sagen sie, daß meine Mutter mit diesem Uhrenschritt um die Sonnenuhr gegangen ist, als sie mich trug, um mich hart zu machen für das Leben. Ich kann mich nicht fürchten, Renate, nein, du brauchst mich nicht anzusehn, ich kann mich nicht fürchten, ich habe nur einmal — ja, hin und wieder einmal habe ich etwas gespürt, das von weitem — sehr von weitem, denn es war nur eine Möglichkeit, ein Reiz — aussah wie Furcht, ein süßer Hauch der letzten Zerstörung, des Grauens, und das war die Möglichkeit: dir Gewalt anzutun. Nun genug. Du weißt alles bis auf das Letzte. Nämlich: heut vor drei Tagen —, ja, heut vor drei Tagen habe ich das Fürchten — gelernt. Und das war freilich so, daß es mich jetzt wundert, daß ich es überlebte. Ich will dirs sagen. Ich habe —“
Plötzlich war sein zerspaltenes Gesicht so nah vor dem ihren, daß sein Mund fast den ihren berührte, daß sie nichts sah als die Gräßlichkeit des blinden zerflossenen Auges, während seine Stimme von unten her flüsterte oder zischte: „Ich habe — mich selbst erschossen.“
Renate schloß die Augen, öffnete sie wieder. Josef saß wie vorher. Ihre Haut war kraus und eiskalt geworden am ganzen Leibe, sie glaubte kein Herz mehr zu haben, als sie von ihm fort sich am Geländer dahinschob.
„Ja, geh nur,“ hörte sie ihn noch sagen, „für dich ist es Zeit. Geh nur zu, Kind!“ Er hob winkend die Hand. Sie entlief.