Gleich darauf strauchelte sie über eine Unebenheit und gewahrte in der Wiesentiefe zur Linken eine Gestalt. Sie blieb stehn, die Gestalt kam näher; erst dunkel, ward sie grau; ihre Augen umklammerten sie angstvoll, sie wußte schon, wer es war, sie wollte nicht —, da kam er den Hang herauf, Erasmus, noch immer im Harnisch, barhaupt, und sie gefror. Aber ein jähes und wütendes Grauen trieb sie zwischen ihn und Josef, sie lief zurück.

Josef stand aufrecht oben und rief jetzt mit heller Stimme:

„Hier bin ich, Erasmus, hier! Ich fürchte dich nicht!“

Da stand Erasmus oben wie ein Gespenst, schrecklich groß, sie konnte seine Augen sehn, die aus den Höhlen quellen wollten, er hielt beide Hände geballt vor der Brust, die wogte, — nie, schrie es in Renate, ist er in der Fabrik gewesen, er trägt ja immer die Rüstung noch! — Und sie riß aus dem zugewürgten Hals klingend ihre Stimme heraus und sagte: „Erasmus? Ja, willst du denn —“ wirklich jetzt immer geharnischt gehn? wollte sie fragen, aber er schlug ihr die dünne Klinge, die sie vorstreckte, mit einer Keule nieder und mitten durch, indem er sagte: „Du!“ sonst nichts, doch eben dies hob sie wieder ganzen Leibes so leicht, als ob sie flöge, und sie lächelte angstlos und sagte: „Was hier geschehen soll, das wird nie geschehn.“

Im Augenblick darauf taumelte sie zur Seite, von einem Stoß oder — sie wußte es nicht, sie sah nur, in die Knie brechend und nun von Sinnen vor Angst, Erasmus dastehn, als stürze er vornüber und hörte ihn, keuchend, schäumend, gurgelnd:

„Endlich — ists — soweit. — Du! Mörder! Dieb! Mutter—mörder. — — Gestohlen — — Mutter hast — — mir gestohlen ... Vater — Liebe — — gestohlen. Liebe — immer, immer — gestohlen, immer — stohl ... nun — nun — stehlen — diese — die — willst — diese — du — du — verlorner Sohn! Abrechnen — rech — ich — Jahre geduld — — geduldet. — — Alles — alles — alles — getan — — rechnet, ge — — schunden, Blut unter — Blut — — und — nun, nun, nun — auch diese — Re — — Renate. Weg! du! weg du! weg, weg! Oh — uh — weg!“

Renate legte die Hände auf die Augen und drehte sich um. Sie machte einen Schritt, strauchelte und glitt den Abhang hinunter, brach unten auf die Knie, richtete sich schwer und mühsam auf und sah nun ruhig staunenden Blutes hoch über sich alles rot und in dem Rot eine ungeheure Gestalt, die eine andre wagerecht über sich hochgehoben hatte.

Da floh sie besinnungslos in das Dunkel, lief, im Fallen unzählige Male sich aufraffend, lief, ihr Kleid riß, sie packte es mit den Händen und hob es vorn und lief, hakte mit dem Fuß an Latten, riß ihn los, ihr Atem versagte, sie lief, blindlings einem bleichen Streifen am Boden folgend, keuchte und lief eine Schräge hinauf, wich einem Baum aus, der ihr jählings schwarz entgegentrat, und indem schmolz aus ihren Knien alle Kraft. Sie glitt vornüber und nieder, raffte sich wieder hoch, fiel gegen den Baum und schrie, ihn mit den Armen umklammernd: „Das war die erste!“ Sie hing und sah sich selber im Dunkel, in ihrem weißen Kleid, in einem jahrfernen Traum, in die Knie gleiten und wieder aufrichten, und stammelte: Die Verneigungen, die Verneigungen, die Verneigungen ... nun kommen die Verneigungen, oh Gott! — und sie lief weiter, sie war im Garten, in der Veranda, im Flur, — da mußte sie halten.

Treppenhaus

Einen Augenblick lang in großer Leere des Herzens mußte sie plötzlich erkennen, daß die Angst, die eben noch hinter ihr gewesen, vor ihr war; vielmehr war es nicht Angst, sondern nur ein leises Grauen, mit dem sie etwas Unheimliches über sich, im Treppenhaus witterte, und da wagte sie es, dem zu entfliehen, und bewegte sich bis zur Haustür hinüber, wo sie, jetzt gelähmt, stehen blieb und sich umwandte.