War denn Licht im Treppenhaus oder nicht? Wie seltsam helle es dämmerte! Weiß stieg die Treppe mit dem blauen Läufer bis zur ersten Biegung, von da aus das weiße Geländer. Und jetzt wußte sie: oben war etwas; das kam herunter. Kein Mensch, ein Tier, ein riesiges Tier, wild, sie hörte schon das langsame Treten der Tatzen von Stufe zu Stufe, das rauhe Fell, das am Geländer schräge nach unten sich hinabschob und scheuerte, sie roch den wilden heißen Dunst, und ihr Herz stand still. Gleich darauf tauchte der riesige weiße Kopf des Tigers oben hinter dem Geländer auf, die Lichter glommen auf in den gedehnten Augen, er wandte das Gesicht herum. Plötzlich saß er auf der Plattform, ganz still, die weißen Tatzen vor sich, und Renate sah das furchtbare, streifig bemalte Tiergesicht in einem Kranz weißer Mähnenhaare, sah, vom wilden Atem auf und nieder bewegt, die gelben, roten und schwarzen Streifen der Flanken. Der lange Schweif legte sich nach vorn, er duckte den Kopf, schloß die Augen und war verschwunden.

Sie stieg langsam die Treppe hinauf ohne andres Empfinden als die furchtbare Mühsal des Steigens. In ihrem Zimmer drückte sie die Handballen gegen die Stirn, stand und hörte sich stöhnen. Sie sah einen schwarzen Menschenkörper in einer ungeheuren Höhe schweben, und dann klatschte Wasser. Wieder stieg in ihr das Grauen, sie wankte vorwärts, ertastete den Türvorhang, fiel dagegen und an dem weichenden hin auf den Fußboden.

Renate lag totenstill. Alles war still geworden. Sie bewegte die klebrigen Lippen und lallte: Nichts ... Es war ja nichts. Nichts ist geschehn. — Sie hob den Kopf hoch, tastete nach ihrem Haar, entsetzte sich vor dem Rauhen ihrer eignen Flechte und gelangte mühselig auf die Knie. So lag sie eine Weile zitternd, stellte sich dann auf die Füße, tastete nach der Bettstelle, fühlte das Holz, machte zwei Schritte und setzte sich auf den Bettrand. Wankend vor und zurück fühlte sie, daß sie ohnmächtig wurde, aber im selben Augenblick mußte sie aufhorchen. Es waren Schritte auf der Treppe. Langsam kam es herauf, Fuß um Fuß, Stufe um Stufe, sie erhob sich und ging vor, trat in die Tür, lehnte sich mit Rücken und Kopf gegen den Pfosten und flüsterte: Sein Vater — kommt, nun — nun wollen wir Rede stehn. — Sie lächelte.

Langsam kamen die Schritte über den Flur näher, immer ein wenig lauter, und nun war alles still vor ihrer Tür. Sie wartete gefühllos. Ihre Augen, im Dunkel irrend, sahen die Fenster, und weiß den kleinen Schein der Gipsbüste in der Luft. Nun ging die Tür auf; da stand Erasmus. Sie sah seine Augen, die nicht Augen mehr waren, sondern nur Entsetzen. Dann hörte sie eine Stimme leise sagen:

„Ich hab’s — getan.“ Er schluckte. Sie sah seine Hände, die sich einander näherten, dann rieb die eine die Knöchel der andern. „Nun,“ sagte er unendlich leise, „nun steht, auf der Treppe, steht — — Gott — Vater, mit dem Licht und sagt — — wo — wo ist ...“

Renate sah den alten Mann oben stehn und die Treppe hinunterleuchten. Aber als die Erscheinung verschwunden war, wurde ihr leichter um die Brust, sie sah die Gestalt des Erasmus in der Tür sich wenden, sie löste sich vom Türrahmen und ging zu ihm; da fühlte sie wieder das Grauen, biß die Zähne auf die Lippe und sagte: „Erasmus ...“ Sie mußte die Augen schließen, hörte einen Fall und fühlte seine Hände in den ihren und sein Gesicht. Dann sah sie ihn vor ihr knien, machte eine Hand los, legte sie auf seinen Kopf und fing an, ihn zu streicheln. Er weinte und sagte kindisch mehrere Male: „Er sollte ja nur weg ...“ Dies dauerte eine Weile, dann war Erasmus plötzlich verschwunden, sie saß vor dem gelben Schirm ihrer Lampe am Tisch, sah über sich das weiße Antlitz Ech-en-Atons unverändert, oder lächelte es nun? Dann war nichts mehr.

Hörsaal

Renate hing verzweiflungsvoll am Drücker einer Tür, rüttelte mit aller Kraft und brachte sie nicht auf. — Ja, was ist denn? fragte sie sich, ablassend. Es war dunkel; was sie in der Hand hielt, war der Türdrücker an Reinholds Wohnung, sie sah die dunklen Fenster neben sich, Blumenstöcke und Gardinen. Da fühlte sie wieder ihre Angst, sie weinte: Ich muß ja fort, ich muß ja fort! — Indem hörte sie links hinter sich ein Knarren, die große Einfahrt bewegte sich, Reinhold kam herein mit seiner Frau. Im selben Augenblick auch schon saß Renate in ihrem Automobil und sah durchs Fenster die Straßenlaternen vorbeiziehn. Kaum hatte sie dies gesehn, so flammte es vor ihr und ward wieder Nacht, sie erschrak und sah, daß sie durch die Stadt fuhr, daß unaufhörlich Schwerter von einfallender Helle und Dunkel vor ihr in den Wagen schnitten, und nun sah sie im schmalen Spiegel gegenüber ihr Gesicht. Jetzt kommen Leute, dachte sie, sammelte sich, so gut sie konnte, und sah, daß sie in einem goldenen Mantel saß; ich hab ihn verkehrt umgenommen, dachte sie, es schadet nichts. — Sie schloß einen Haken am Halsausschnitt der Tunika, beugte sich vor und sah im Spiegel ihre Augen, sehr dunkel und tief in den Höhlen. Man sieht mir nichts an, dachte sie verwirrt, saß in einer großen Leere und merkte, daß der Wagen stillstand. Doch fuhr er gleich wieder, ein Gesicht kam ganz nah an die linke Scheibe, sie drückte Haupt und Rücken an und saß aufrecht, die Arme nach beiden Seiten gestreckt, und zitterte. Sie hörte dumpfes Brausen, die Lider sanken ihr zu, unter ihr sah sie die gelbliche Schaumfläche des Wehrs, es zog sie hinunter, sie warf den vorübersinkenden Kopf zurück und stöhnte: Oh Gott, wie lange dauert diese Qual! — Heftig erschreckend fiel ihr ein, ob Reinhold denn überhaupt wußte, wohin sie wollte, sie rückte ans Fenster, sah die Alleebäume dunkel, umwogt von menschlichem Getümmel, dachte inbrünstig an den Herzog, an alle Beruhigung, an Schlaf. Jetzt wurde die Wagentür aufgerissen, Reinholds Gesicht war draußen, sie raffte Mantel und Kleid und dachte: Zusammennehmen ...

Langsam stieg sie aus, ging zu der breiten Freitreppe der Universität vor und hinauf. Es schwirrte vor ihren Augen, groß und größer wurde der dunkel glänzende Fleck ihres violetten Kleidrocks, auf den sie hinuntersah, sie glaubte vornüber zu fallen, und erreichte mit Mühe die oberste Stufe. Ein Mensch, ein bunter, ein Türsteher, fragte sie etwas, sie antwortete: „Zum Herzog.“ „Seine Königliche Hoheit —“ hörte sie sagen und unterbrach: „Herzog Trassenberg.“ Der Mann verbeugte sich und ging fort.

Renate stand in einer Halle, sah einen breiten Korridor mit Türen zur Rechten und ging im ohnmächtigen Verlangen, nur sitzen zu können, hinein. Musik ... sagte sie, aufhorchend, ein Klavier ... Eine helle, singende Stimme schmetterte unverständliche Worte, sie ging daraufzu, eine Tür neben ihr stand halboffen, sie sah drinnen eine Wand mit einer schwarzen Tafel, darunter ein Podium und ein Katheder. Ach, dachte sie, ein Hörsaal ... Weiter vortretend, gewahrte sie unterhalb des Podiums Kopf und Rücken eines Menschen, der vor einem Flügel saß, spielte und zu einem Mädchen mit Haarschnecken an den Ohren aufsah, das in der Einbuchtung des Flügels stand, ihn lächelnd ansah und sang. Nun wurde auch das Profil des Spielenden sichtbar, ein hängender Schnurrbart, große hängende Nase und fliehende Stirn mit schwermütigen Brauenbögen; sie sah das nach hinten gestrichene, lang fallende Haar und glaubte den Menschen zu kennen. Die Schultern waren braun, Frackschöße hingen zwischen den Stuhlbeinen, oben darüber brannte eine harte Flamme, die ihre Augen blendete. Ach, Benno ists! dachte sie dankbar, da sitzt er nun und spielt ... Renate fühlte es rieseln im Herzen, sie lehnte sich an den Türrahmen, die Augen der Sängerin bewegten sich zu ihr, aber sie sang weiter, obschon sie betroffen schien und die Augen nicht wieder abwenden konnte. Ihr Gesicht war weiß wie eine Blüte, die Augen glitzerten blank und dunkel, die Backenknochen schienen etwas vorzustehn, sie sah munter und herzlich aus, und als sie nun wieder lächelte, mußte Renate es auch tun, während eine zarte, auf und nieder schwebende Melodie ein weiches Band um ihr Herz wand und wieder davon abzog und sie die Worte hörte: „Der mich ins Zimmer trägt, mir in die Hand — Wärmend ein Herz giebt mit Glutenbestand.“ Dann wechselte die Tonart in Moll: „Kommt jetzt der Winter mit Schloßen und Schnein ...“ sang das Mädchen wehmütig, fragend, wartete ein Weilchen auf einer Fermate in der Höhe und endete mit kurz und trübselig hervorgestoßenen Lauten in der Mittellage, eintönig: „Frier’ ich am Feuer und blase hinein ...“ während aber dahinter die Klaviermusik in einem lustigen Spottgelächter einen rauschenden Dur-Aufschwung nahm und abspringend, wie ein landender Vogel, mit zwei, drei Sprüngen prasselnd endete.