Sie verlor das Ende des Satzes und sank zurück. Aber sie konnte nicht stilliegen, schlug plötzlich die Augen wieder auf und sagte mit kleiner Stimme: „Du meinst vielleicht, — weil sein Gesicht — weil er — — nur noch halb ist ... Aber weißt du, — er hat ja eine — — Ergänzung, — oh, eine schöne! Das glaub nur ja nicht, daß sie nicht gut paßt, sie ist ja von einem Chinesen! Sieh, nun weißt du’s!“ sagte sie triumphierend und dachte: wie vernünftig ich doch sprechen kann, er merkt sicher nichts. „Und siehst du,“ fing sie wieder an, unterbrach sich aber und sagte: „Hast du’s gehört? Siehst du, habe ich gesagt, und Ulrika behauptet, daß ich immer ‚weißt du‘ sage, aber das tue ich gar nicht. Nein, siehst du, Josef, — du mußt nicht denken, daß er es nicht gewußt hat. Oh, Josef ist so gut, so gut, er ist ein solcher Held, er sagte: ich fürchte mich nicht! — Das sagte er, und es lauerte doch, weißt du, immer lauerte es schon, unter den Bäumen, wo die Schaukel ist, weißt du, und dann in den Wiesen, am Wehr, oh wie das rauschte, hörst du? ganz laut — höre ich es ...“ Sie schöpfte Atem, bewegte den Kopf hin und her und sprach heiß und eilig weiter: „Kein Wort, hörst du wohl, kein Wort hat er gesagt, so saß er da, du mußt es seinem Vater sagen, daß er kein Wort gesprochen hat, er war ein Held, war er nicht? — Was not he?“ flüsterte sie, „das ist englisch ... Ach, meine Stimme — will gar nicht mehr“, sagte sie heiser und gequält und merkte, wie ihr die Worte erloschen.

„Schlaf nun, du mußt wirklich schlafen“, sagte jemand.

„Muß ich?“ fragte sie lächelnd mit geschlossenen Augen.

„Ja, ja, du mußt“, sagte die gute Stimme wieder.

„Dann will ich gern, wenn du’s sagst“, flüsterte sie gehorsam, drehte den Kopf auf die Seite und machte die Augen fest zu. Gleich aber öffnete sie die Lider wieder, lachte leise und fragte: „Ists so recht?“

Sie hörte noch ein Gemurmel, seufzte tief, streckte sich und empfand dankbar die Dunkelheit.

Schlafzimmer (das andre)

Doch stürzte sich jetzt ein peitschender Knall mitten durch ihr Herz. Sie schnellte hoch, schrie auf: „Erasmus! Du darfst nicht, du darfst nicht mehr!“ Ein wütender Ingrimm jagte sie auf, da knallte es wieder, sie fiel innerlich zusammen, wankte gegen Hartes, fühlte einen Türdrücker, riß und zerrte ohnmächtig daran, endlich schlug die Tür nach außen auf, es war blendend hell, der rote Waffenrock ... bläulicher Dampf — — und wieder ein Knall und scharfes Pfeifen dicht neben ihr ... Dahinten stand in der Tür ein Mensch, schwarzbärtig; aber sie kannte ihn, sie rang nach dem Namen, sie mußte ihn rufen, der Herzog hob den Stock und rief wütend: „Du bist verrückt, Schurke, wirst du endlich aufhören!“ Menschen warfen sich herein, packten ihn, er schüttelte sich mit ihnen herum, es knallte wieder, Renate, am Türpfosten hängend mit Kopf und Rücken, wand sich und schrie plötzlich: „Sigurd!“

Da fielen ihm die Arme herunter, sie sah Sigurds Nase und bestürzte Augen, dann den Herzog, der an einer Badewanne lehnte und schwankte. Sie lief zu ihm, kniete vor ihn hin, stützte seine Stirn, er machte die Augen weit auf, lächelte und sagte leise: „Es ist ja nichts. Ein Streifschuß, — oder ...“

Nun giebt es zu tun, dachte Renate, aber sie bewegte sich nicht, lehnte matt in der Tür zum Badezimmer, bis ihr einfiel, was sie suchte, eine Waschschüssel, doch war keine zu sehn. Es rauschte, laut und lauter rauschte es in ihren Ohren. Sie drehte sich wieder um, da lag der Herzog furchtbar groß auf dem Bett mit riesigen, spiegelblanken Reiterstiefeln an den Füßen; seine linke Hand, die herunterhing, war ganz rot, und das Blut tropfte eilig an den Boden und bildete eine Lache. Menschen standen herum, die Tür ging auf, eine Waschschüssel, in der ein Handtuch lag, wurde hereingetragen, Renate ging draufzu und nahm sie aus den Händen eines zitternden alten Mannes, kniete neben dem Herzog nieder, setzte die Schüssel hin und wusch die Hand, es war keine Wunde daran.