„Ein Messer,“ sagte Renate, hatte gleich darauf ein Taschenmesser in der Hand und trennte die Ärmelnaht auf, schnitt und riß den Ärmel ab, knöpfte die Manschette auf, streifte den Hemdärmel hoch und sah am Oberarm einen klaffenden Riß, den sie wusch. Impfnarben kamen groß und zerflossen zum Vorschein, sie drückte das Handtuch auf den Riß und sah, einen Augenblick dahockend, das Gesicht des Herzogs, sonderbar still und bleich mit geschlossenen Augen. Er atmete. Und sie dachte, da er so in sich gekehrt dalag: Das kann doch von dem Riß nicht kommen ...?

Schritte kamen, ein Gesicht mit einem spitzen Bart neigte sich von oben, eine Hand nahm stillschweigend das Messer aus ihrer Hand und fing an, die Schärpen durchzuschneiden. Sie begriff und hakte den Waffenrock von unten auf, ließ es aber, da das Blut wieder vom Arm lief, nahm das zusammengepreßte, nasse Handtuch auseinander und wickelte es, so fest sie konnte, um die Wunde. Mit dem Taschenmesser, das sie wieder auf dem Boden liegen sah, schnitt sie das Ende des Tuches auf und knotete es fest. — Nun konnte sie die Brust des Herzogs sehn, ganz schwarz von krausem Haar, darunter sehr weiß, und in der Nähe der bräunlichen Brustwarze war ein kleiner Fleck. Plötzlich fühlte sie, daß sie sich in ihrer hockenden Stellung nicht mehr halten konnte, und stand auf.

Etwas Blaues und Weißes schaukelte zur Erde. Jemand hob es auf und gab es ihr: es war der Schmetterling mit den Schleifen. Sie behielt ihn in der Hand, ging vorwärts und atmete kühle Luft. Der Garten, sagte sie, trat durch eine Tür, lehnte die Flügel hinter sich aneinander und sank mit dem Rücken dagegen. Sie sah das Schwarze von Bäumen, eine dunkle Lücke darin und zwei weiße Sterne, der rechte ein wenig tiefer als der linke. Sie konnte die Augen nicht abwenden von ihnen, ihr Blick war unendlich fest und ruhig, bändigte den ihren, bändigte ihr ganzes Herz und Dasein.

Zu Gottes Ehr’ bin ich durch Feuer geflossen, hörte sie sagen, Matthias Zach hat mich gegossen, Hötting siebenzehnhundertundachtzig. — Sie lächelte und wiederholte willenlos: Zu Gottes Ehr’ bin ich durch Feuer geflossen ... Wie still und kühl es war! Nur das Rauschen hielt an. — Hötting siebenzehnhundertundachtzig, Matthias Zach hat mich gegossen ... Eine alte Glocke hing still im Gestühl, Schwalben schrien, kleine Engelsköpfe von Bronze glänzten dunkel auf der Glockenspitze, und sie las die Inschrift: Matthias Zach hat mich gegossen ... Die Sterne flackerten ganz wenig, als ob der Wind sie bewegte, der durch den Garten kam. Ein Tropfen näßte kühl ihre Stirn. Es fängt an zu regnen, dachte Renate und wandte sich um.

Hinter den Glasscheiben sah sie, daß die Tür zum Flur geöffnet wurde, jemand kam groß, bleich und schwarzbärtig die Stufen herab, die Hände auf dem Rücken, — Sigurd. Renate öffnete die Tür, trat ein, ging zum Fußende des Bettes, sah das bleiche und verschlossene Gesicht des Herzogs, unter einer wollenen Decke die Umrisse seines Körpers, und neben sich in der Tür den Arzt.

Der Herzog öffnete die Augen, lächelte bei ihrem Anblick, fragte dann: „Ist er da?“ Renate nickte.

Ein Offizier in blauer Polizeiuniform bedeutete Sigurd vorzutreten, — da stand auch ein Schutzmann. — Der Herzog wandte das Gesicht herum, betrachtete lange den Dastehenden, der bei Renates Anblick den Kopf senkte, fragte dann mit leiser Stimme: „Was hat das — zu bedeuten?“

Sigurd schwieg. „Ich verrate nichts“, sagte er endlich, den Kopf hebend, und senkte ihn gleich wieder.

„Sie sollen nichts“, sagte der Herzog, „verraten. Ich will — wissen, wie ich — zu der Ehre komme ...“ Er hob mühsam den Kopf, blickte zornig und brachte knirschend hervor: „Haben Sie mich denn weiß Gott mit meinem Sohn verwechselt?“

Sigurd schien erstaunt. Ob er denn nichts wisse, fragte er nach Sekunden, zögernd. Der Herzog bewegte den Kopf, und Sigurd sagte mit einem eigentümlichen, irren Aufleuchten der Augen: „Er liegt in — der Gracht. — Nicht ich!“ setzte er hastig und laut hinzu, — „er stürzte hinein, ich — ich sah es von weitem.“