Renate sah die Brust des Herzogs auf und nieder gehn, sein Atem rasselte, er stöhnte: „Unsinn! er kann schwimmen!“
„Er kam nicht wieder hoch“, sagte Sigurd.
„Ach, in Teufels — Namen,“ keuchte der Herzog, „was wollen Sie — dann von mir?“ Sigurd hob den Kopf, blickte glänzend geradaus und sagte kurz: „Den Nachfolger.“
Der Herzog sah ihn nur an. „Wir wissen alles“, erklärte Sigurd nicht ohne Stolz.
„Und — und der Sinn des Ganzen?“ fragte der Herzog leise. Sigurd blickte Renate mit flackernden Augen an und sagte: „Ich will es der Dame erklären, wenn sie verspricht, es nicht vor morgen abend weiterzusagen ...“
Der Herzog blickte Renate fragend an, sie winkte Sigurd mit den Augen und ging ihm voran in das Zimmer mit dem Himmelbett; sie ließ ihn eintreten, lehnte die Tür hinter ihm an, Sigurd stellte sich dagegen und fing sofort an, die Augen niederschlagend, zu sprechen, heiser und halblaut:
„Er ist nicht der einzige. Es handelt sich um zweierlei gleichzeitig. Wir stehen vor einem Kriege. Die einzige, wirkliche Gefahr ist der Patriotismus in Deutschland oder das dynastische Gefühl. Nur in Deutschland giebt es Fürsten. Ich bin nur ein Glied in einem großen Plan, nach dem sie Alle fallen heute und morgen. Der Schrecken wird die Gemüter bändigen. Es folgt die soziale Erhebung. Renate,“ sagte er noch leiser, plötzlich das Gesicht und die schönen Augen hebend, die — o, sie sah es! — irre waren, ganz irre! — „vor Ihnen muß ich mich nun verteidigen ... Was ich tat, war gut und — schwer.“
„Ich weiß“, sagte sie stumpf, während eine entsetzte Stimme in ihrem Herzen schrie: Er ist ja wahnsinnig, o Gott, er ist wahnsinnig! — Sigurd atmete tiefer. „Ich wollte,“ sagte er, jählings flammend, „den — den Andern, den Sohn, diesen —“
Gleich darauf lag er vor ihren Füßen auf der Erde, sie sah seine Hände von stählernen Ringen zusammengehalten und schauderte vor diesem Zeichen des Verbrechens. Sie fühlte sein Gesicht an ihren Knien, wollte es wegheben, aber eine schaurige Erinnerung zwang sie, die Hände auf seinem Kopf zu lassen: damals, als Esther tot war, damals kniete er so. — Und dann fuhr sie ein-, zweimal mit den Fingern durch das lockre und weiche Haar. — Hötting siebenzehnhundertundachtzig ... hörte sie, ihr Mund zuckte, sie streichelte wieder seinen Kopf, hörte ihn leise wimmern, fuhr, verzweifelten Herzens, fort, dem zerrütteten Haupt an ihren Knien mit den Händen wohlzutun und es zu beruhigen, und murmelte Worte, die sie nicht mehr verstand. —
Er gehorchte und stand vor ihr, die geröteten Augen verstört, voll Schmerz und Feuer. Um seinen Mund zuckte ein Lächeln, da er sagte: „Esther hat es ja nicht zu erleben brauchen ...“