Es kam nun Kunde, daß Moriz mit seinen Sachsen, den Brandenburgern und
Hessen den Kaiser in die Flucht gejagt und beinahe gefangen hätte (Mai
1552). Die gefangenen Fürsten (Kurfürst Johann Friedrich und Landgraf
Philipp von Hessen) wurden freigegeben, und freigegeben auch die
Religion im „Passauer Vertrag“ (August 1552).

Mittlerweile war es Frühling geworden und Sommer. Frau Käthe konnte säen und ernten und sich des Friedens freuen, der endlich nach sechs Jahren Krieg, Flucht, Verwüstung eingetreten war, auch des Friedens in Sachen des evangelischen Glaubens, um deswillen ihr „lieber Herr“ ein Feuer angezündet hatte im deutschen Lande, dessen Flamme auch sie, und sie am schwersten, fühlen mußte.

Jetzt hätte die arme Witwe aufatmen können vom langen Leid: da traf sie der letzte, tödliche Streich.

19. Kapitel.

Katharinas Tod.

Die Kriegsvölker waren aus Wittenberg abgezogen, aber sie hatten ein böses Andenken hinterlassen: eine ansteckende Seuche, die „Pestilenz“, die in der sumpfumgebenen engen Festung wieder rasch um sich griff und mit der Sommerhitze wuchs. Am 1. Juni wurde über Verlegung der Universität beraten, am 10. bot Torgau ihr Herberge an. Aber bis 6. Juli hielt sie noch in Wittenberg aus. Dann zog auch die Hochschule in die Nachbarstadt und wurde in den engen winkeligen Räumen des Barfüßerklosters untergebracht, welches seinerzeit Leonhard Koppe zu Fastnacht gestürmt hatte und das jetzt leer stand.

Frau Katharina blieb aber in Wittenberg, wohl wegen der Güter, die sie besorgen mußte; wahrscheinlich hatten die studierenden Söhne und Tischgesellen dennoch von dem einen und andern Magister, der im Schwarzen Kloster wohnte, Vorlesungen. In dem großen, gesund gelegenen Hause war es ja auch einstweilen noch auszuhalten. Aber im Herbst wurde auch das Klosterhaus von der Seuche angesteckt. Und um ihre Kinder aus der Gefahr zu reißen, unterzog sich die besorgte Mutter wiederum den Beschwerlichkeiten der Auswanderung. So ließ sie denn einspannen, lud das Nötigste auf den Wagen und fuhr mit ihren Kindern, die noch bei ihr waren: Paul und Margarete, während Martin scheint's schon vorher der Universität nachgezogen war und Hans in Weimar auf der Kanzlei arbeitete, das Elsterthor hinaus, Torgau zu[652].

Da geschah das Unglück: die Pferde wurden scheu und gingen mit dem Wagen durch über Stock und Stein. Die erschrockene Frau suchte das Leben ihrer Kinder zu retten, und um die wilden Pferde aufzuhalten, sprang sie vom Wagen, fiel aber so unglücklich, daß sie mit dem Leib heftig auf den Boden anprallte und dann in einen Graben mit kaltem Wasser stürzte. Die Aufregung, der Fall, die Erkältung und wohl auch eine innere Verletzung führten eine schwere Krankheit herbei[653].

So kam die Familie Luther nach Torgau. Hier wohnte sie vom Kloster aus in der „nächsten Straße, die nach dem Schloß führt“, in einem Eckhause bei der Klosterkirche zur Herberge. Hier lag nun Frau Katharina in großen Schmerzen langsam dahinsiechend, gepflegt von ihrer Wirtin und ihrer Tochter Margarete, welche jetzt 18 Jahre zählte[646].

Noch einen Lichtblick erlebte die Witwe Luthers in diesen Leidenstagen.
Ihr jüngster Sohn Paul, der sich zu einem tüchtigen Mediziner
heranbildete, verlobte sich in dieser Zeit mit Anna von Warbeck, der
Tochter des weiland Herrn Veit von Warbeck, gewesenen Domherrn von
Altenburg und Kurfürstl. Hofrat und Vizekanzler zu Torgau, eines Edeln
aus Schwaben. Ihre Mutter, Anna von Hack — auch eine geborne
Schwäbin — lebte noch und hatte ein eigenes Haus zu Torgau in der
Fischergasse[646].