Fräulein Anna war ein resolutes Frauenzimmer. Sie hatte einen Damastrock mit Samtschleppe getragen und war deshalb vom Stadtrat mit Berufung auf eine kurfürstliche Kleiderordnung in Strafe gezogen worden. Dagegen wehrte sie sich und appellierte an den Kurfürsten, so daß ein ehrbarer Stadtrat einen Boten mit Bericht über Anna Warbeckin Supplicien gen Dresden schicken mußte für Lohn und Trinkgeld. S. Kurf. Gn. sandte nun in diesem Betreff an den ehrbaren Rat zu Torgau folgenden Erlaß:
„Lieben Getreuen! Wir sind von der ehrbaren und lieben besondern Jungfrau Anne von Warbeck demütiglichen Klag berichtet worden, wie daß Ihr ihr den damastenen Rock mit samtenem Schweif zu tragen zu enthalten und noch dazu etliche Gulden zur Strafe entrichten sollt auferlegt haben. Wiewohl Wir Uns zu erinnern wissen, was Wir der Kleidung halber in der Polizei-Ordnung haben ausgehen lassen, so vermerken Wir doch, daß der gedachten Jungfrauen Vater einer von Adel und fürstl. Rat gewesen, auch die Damasten, davon der Rock gemacht, fürstliches Geschenk und die Röcke vor obenerwähnt ausgegangener Ordnung gemacht. Derwegen Wir denn geschehen lassen, daß sie solche Röcke zu Ehren tragen möge. Und begehren demnach, Ihr wollet ihr solches verstatten und sie mit geforderter Strafe verschonen, Euch auch sonst gegen sie dermaßen verhalten und erzeigen, daß sie sich keiner Beschwerung zu beklagen hab. Daran geschieht Unsere gänzlich zuverlässige Meinung. Datum Dresden, 30. Jan. Anno LII“[654].
Dieses adelige Fräulein wurde also die Schwiegertochter Frau Katharinas
und diese wird an dem entschlossenen Wesen ihrer künftigen Sohnsfrau ihr
Gefallen gehabt haben. Aber die Freude der Hochzeit erlebte Frau
Katharina nicht mehr.
Drei Monate lang dauerte das Siechtum der Kranken. Mit christlicher Geduld ertrug sie die Leiden und die Sorge für die Kinder. „In der ganzen Zeit ihrer Krankheit tröstete sie sich selbst und hielt sich aufrecht mit Gottes Wort. In heißen Gebeten erflehte sie sich ein friedliches Hinscheiden aus diesem mühseligen Leben. Oftmals auch befahl sie Gott die Kirche und ihre Kinder und betete, daß die Reinheit der Lehre, welche Gott durch ihres Gatten Werk dieser Zeit wiedergebracht, unverfälscht den Nachkommen überliefert werden könne.“ Sie selbst aber wollte „an Christus kleben, wie die Klette am Kleid“, ein Wort, das ihr nachher fromme Sänger im Liede nachsprachen[655].
Am 20. Dezember 1552 hauchte sie ihre Seele aus.
Der Vice-Rektor der Universität, Paul Eber, gab dies den Studenten durch ein von Melanchthon verfaßtes lateinisches „Leichenprogramm“ kund, worin ihr Leben und Leiden kurz geschildert war. Namentlich die Erinnerung an die sechs letzten Leidensjahre schwebten dem treuen Freunde des Hauses vor Augen und fast scheint es auch, das Unrecht, das sie von Kanzler Brück u.a. erlitten. „Mit ihren verwaisten Kindern mußte die als Witwe schon schwer Belastete unter den größten Gefahren umherirren wie eine Geächtete; großen Undank hat sie von vielen erfahren, und von denen sie wegen der ungeheuren Verdienste ihres Mannes um die Kirche Wohlthaten hoffen durfte, ist sie oft schmählich getäuscht worden.“ Statt des derben deutschen Spruches, mit welchem Luther in seinem Hausbuch seinen Befürchtungen über die Behandlung seiner Witwe Luft gemacht hatte: „Die Leute sind grob; die Welt ist undankbar“, wählte der gelehrte Freund für das Leichenprogramm als Motto einen griechischen Spruch des Euripides (Orist. 1-3), der allerdings auf die schwere Leidenszeit der Witwe Luthers paßt: „Es giebt kein Unheil, kein Geschick, kein Leid, das Gott verhängt und das die Sprache nennt, nichts Schreckliches, das nicht der Mensch erlebet.“
Dieser Erfahrung des heidnischen Dichters gegenüber weist das „Programm“ auf den Trost und die Hoffnung des Christentums, dessen sich auch die Selige getröstet habe bei der herben Wunde durch den Tod ihres Ehegemahls, ihrer Flucht mit den verwaisten Kindern in der Kriegszeit, den manchfachen Trübsalen des Witwenstandes und dem Undank vieler Leute gegen die Witwe des ehrwürdigen und heiligen Mannes D. Luther. Die Universität lade nun alle ihre Hörer zum Leichenbegängnis ein, „um der verehrten Frau die letzte Pflicht zu erweisen und so zu bezeugen, daß sie die Frömmigkeit der Witwe, welche so herrlich an ihr leuchtete, ihr ganzes Leben lang hochhielten; daß sie der Waisen tiefe Trauer zu Herzen nähmen; und daß sie nicht vergäßen die Verdienste ihres Vaters, die so groß sind, daß sie keine Rede genug preisen kann; daß sie endlich zusammen Gott im Gebete anflehen, das Licht des Evangeliums rein zu halten und seine Lehrer und Verkündiger zu schützen und zu regieren, die Staaten zu behüten und den Kirchen und Schulen geziemende Zufluchtsstätten zu gewähren“[656].
Am folgenden Tag, nachmittags drei Uhr, war der Leichenzug der „edlen
Gemahlin des heiligen Mannes D. Luther“. Von ihrer Gastwohnung die
Schloßgasse hinab an der neuerbauten großartigen kurfürstlichen Residenz
Hartenfels vorbei bewegte sich der gewaltige Zug von Bürgern,
Professoren und Studenten durch die Wintergrüne nach der Stadtkirche
St. Marien. Hier unter dem Knabenchor mit seiner schönen Inschrift:
„Laudate dominum pueri!“ wurde die müde Pilgerin unter den üblichen
Feierlichkeiten bestattet und die Knaben werden ihr auch von droben ein
Abschiedslied gesungen haben[657].
Am Grabe der Mutter trauerten ihre Tochter und drei Söhne.
Hans war herzoglich sächsischer Kanzleirat; er heiratete im folgenden Jahre Elisabeth, die Tochter des Professors und Propstes an der Schloßkirche in Wittenberg D. Kreuziger, den sich sein Vater selbst zum Nachfolger erkoren hatte, der aber schon bald nach dem großen Doktor gestorben war. Später kam Hans Luther zu seinem alten Gönner, dem Herzog Albrecht von Preußen, in Dienst und starb nicht lange nach diesem 1575.