Martin, von dem sein Vater gefürchtet hatte, er werde einmal ein Jurist, studierte Theologie; er mußte aber anhaltender Kränklichkeit wegen als Privatgelehrter leben und starb jung im vierunddreißigsten Jahr, nachdem er mit Bürgermeister Heilingers Tochter in Wittenberg einige Zeit in kinderloser Ehe gelebt hatte.
Paul, der jüngste, wurde ein angesehener Arzt, Dr. und Professor zu Jena und herzoglicher Leibarzt, dann Rat und Leibarzt des brandenburgischen und später des sächsischen Kurfürsten. Er vermählte sich bald nach der Mutter Tod mit seiner Verlobten Jungfrau Anna von Warbeck, und Nachkommen von ihm in weiblicher Linie leben noch heute.
Margarete vermählte sich 1555 „im Beisein vieler Grafen und Herren“ mit Georg von Kunheim, Erbherrn auf Knauten bei Königsberg, der in Wittenberg studiert und vielleicht bei Frau Katharina gewohnt und gespeist hatte. Sie lebte mit ihrem Gemahl, dem herzoglich preußischen Landrichter zu Tapiau, in glücklichster Ehe und starb als Mutter von neun Kindern im Jahre 1570[646].
Von dem zahlreichen Geschlecht Luthers und der Ahnmutter Katharina sind heutzutage noch wenige Nachkommen übrig. Vom Kloster Nimbschen, wo Jungfrau Katharina 15 Jahre lebte, stehen jetzt nur noch drei altersgraue Mauern, von wilden Reben umrankt. Ueber Zulsdorf geht seit 1801 der Pflug und nur ein Denkmal bezeichnet die Stätte, wo sie so gern gewaltet hat. Ihre Gärten in Wittenberg, in denen sie arbeitete und erntete, sind zum Teil mit neuen Häuserreihen überbaut. Nur das Klosterhaus steht noch, wo sie zwanzig Jahre mit dem großen Doktor gehaust, wenn auch nur die Wohnstube einigermaßen im alten Zustand ist.
In der Stadtkirche zu Torgau aber wurde Frau Katharinen — wohl von ihren Kindern — ein Grabdenkmal errichtet in grauem Sandstein, allerdings kein sonderliches Kunstwerk, nach dem Modell des Gipsreliefs, das von einem realistischen Künstler verfertigt in Zulsdorf hing und heute noch in der Kirche zu Kieritzsch zu sehen ist. Auf ihrem Grabmal ist Frau Katharina in halberhabener Arbeit ausgehauen als Matrone im langen Mantel und weißen Kopftuch. Mit heiterem Angesicht schaut sie vor sich hin, wie eine Mutter am Sonntag auf ein wohl verbrachtes Tagewerk; in den Händen hält sie ein offenes Buch zum Zeichen ihrer Frömmigkeit und ihres Eifers im Bibellesen; also als andächtige Maria ist die fleißige Martha dargestellt. Ihr zu Häupten sind die Wappen von Luther und von Bora. Um den Rand steht die Inschrift: „Anno 1552 den 20. December Ist in Gott Selig entscha | ffen alhier in Torgau Herrn | D. Martini Luthers seligen Hinderlassene wittbe Katharina | von Borau.“[658]
Ein künstlerisches Idealbild neben den mancherlei realistischen
Konterfeien Katharinas hat Meister Lukas Kranach geschaffen auf dem
Altarblatt in Wittenberg. Da sitzt Frau Katharina als andächtige
Zuhörerin ihres predigenden Gatten mit ihrem Kindlein in vorderster
Reihe vor der Gemeinde — also ebenfalls als sinnige Maria.
Ein dichterisches Denkmal hat der Hausfrau Luthers beim ersten
Reformations-Jubiläum 1617 der gekrönte Dichter Balthasar Mencius, Poëta
Laureatus, gewidmet, in schlichten, treuherzigen Knittelversen[659]:
Cathrin von Bora bin ich gnant geboren in dem Meissner Landt aus einem alten Edlen Stamm wie solchs mein Anherrn zeigen an die Gott und dem Römischen Reich mit Ehr und Ruhm gedienet gleich. Als ich erwuchs, zu Jahren kam, der Tugendt mich thät nehmen an und jedermann bethöret war vom Pabst und seiner Münche Lahr, und hoch erhaben der Nonnen-Stand, ward ich ins Kloster Nimetzsch gesand; mein Ehr und Amt hatt ich in acht rief zu Gott, bethet Tag und Nacht für die Wohlfarth der Christenheit. Gott mich erhört und auch erfreut; Doctor Luther den kühnen Held mir zu einm Ehmann außerwehlt, dem ich im keuschen Ehstandt mein gebahr drei Söhn und Töchterlein. Im Witwenstand lebt sieben Jahr nachdem mein Herr gestorben war. Zu Torgau in der schönen Stadt man meinen Leib begraben hat; biß Gottes Posaun thut ergehn und alle Menschen heißt aufstehn; alsdann will ich mit meinem Herrn Gott ewig lobn, rühmen, ehrn und mit der Außerwählten Schaar in Freuden leben immerdar.
Weniger freundliche Denkmäler haben der Gattin Luthers katholische
Schriftsteller gesetzt, welche die Ehe des Mönches und der Nonne als ein
Sakrileg und Skandal auffaßten und in ihrer Weise ausbeuteten, wie
Luther selbst schon vor seinem Tode vorausgesehen und in seinem
Testament vorausgesagt hatte. Von protestantischer Seite sind fast nur
Verteidigungsschriften wider diese Verleumdungen ergangen, oder auch
gelehrte Stoffsammlungen und kleine Volksschriften[646].
Und doch lebt Katharina im Andenken des deutschen evangelischen Volkes in deutlicher und freundlicher Erinnerung als die Gattin des gewaltigen Doktors und deutsche Pfarrfrau, welche mit ihrem Manne das gemütansprechende Vorbild eines evangelischen Pfarrhauses geschaffen hat.