Nach G. von Hirschfelds Stammbaum wäre Katharina von Bora eine Tochter des Hans von (Bora zu) Hirschfeld-A. (vgl. Br. VI, 648, 28) und der Anna von Haugwitz: Hans veräußerte aber (zwischen 1525-30) Hirschfeld-A. an Hans von Mergenthal und Reinsberg, zog nach Löben, übergab dies seinem Erstgebornen und zog dann nach Moderwitz, welches der Familie Hayr gehörte. —

Diese Aufstellung ist nicht mehr kontrollierbar, denn das Hirschfeldsche Archiv ist verschwunden. Und dazu beruht dies Ergebnis noch auf den Annahmen: 1. daß es zwei Güter Hirschfeld gegeben habe (S. 119); 2. daß eine Linie Bora sich Mergenthal genannt und ihr Wappen (vom roten Löwen in eine Lilie) verändert habe (97); 3. daß Phil. v.H. verschiedene Personen (z.B. zwei Katharinen) verwechselte (116). (Eine lutherisch gesinnte Katharina von Mergenthal war im Kloster zu Freiberg; sie war einmal zu Besuch bei ihrem Bruder in Hirschfeld bei Bora. N. Archiv f. Sächs. Gesch. IV, 298. Sie entwich anfangs Juni 1529 aus dem Kloster und kam zu Luther. A.a.O. 318. Br. III, 469. Die Verwechslung dieser Katharina von Mergenthal aus Hirschfeld bei Deutschen-Bora findet sich schon Sächs. Kirchen-Gal. I, 110. Seidemann, Erl. zur Ref.-Gesch. Dresden 1844. S. 110, 120, 122, 469); 4. daß Irrtümer in dem sächs. Teilungsvertrag von 1485 vorkamen; 5. daß die wunderliche und nicht mehr auffindbare Notiz, wonach Luther „seinem Schwähervater, dem edeln und festen Herrn Hans von Bora zu Moderwitz ein Büchlein (Joel) oder gar eine Bibel verehret“ (Br. VI. 684), richtig sei.

Gegen diese Aufstellung sprechen aber außer den künstlichen Umstellungen der Umstand, daß Katharinas Eltern bei ihrer Flucht aus dem Kloster und bei ihrer Verheiratung höchst wahrscheinlich nicht mehr lebten. Ferner sollte man meinen, daß die Luthersche Familie mit dem Staatsmann Bernhard von Hirschfeld (1490-1551; Br. II, 55, 245, 448; C.R. IV, 349) in vertrauterem Verkehr gestanden haben müßte, wenn sie mit ihm so nahe verwandt gewesen wäre. Das war aber gerade nach 1525 nicht der Fall.

Für Lippendorf als Geburtsstätte von Katharina spricht folgendes: 1. Zu Lippendorf verschreibt ums Jahr 1482 Hans von Bore seiner Ehefrau Katharina als Leibgeding das Dorf Sale; ebenso 1505 Jan von Bore alle seine Güter zu Lippendorf seiner Hausfrau Margarete (E. Wezel, Wiss. Beil. der Leipz. Z. 1883, Nr. 71, S. 422 f.). Solche Verschreibungen wurden nicht etwa (wie G. v. Hirschfeld meint) auf dem Todbette, sondern gerade am Vermählungstag gemacht (wie auch die in beiden Urkunden vorkommende Formel beweist: „nach ihres ehelichen Mannes Tode, ob sie den erlebet, u. nicht eher“). Es wäre nun sehr erklärlich, daß Katharina wegen und bei der Schließung der zweiten Ehe ihres Vaters ins Kloster gebracht wurde. 2. Wegen dem eine halbe Stunde davon gelegenen „Gütlein“ Zulsdorf hat Katharinas Bruder Hans sich aus Preußen hier einfinden und „lange heraußen aufhalten, auch müssen selbes beziehen u. sich verehelichen, bis er's an sich bracht“ und hat das „aus Not, (um) sein u. seiner Brüder Gütlein zu bekräftigen, müssen thun u. für sein Kindlein das Gütlein u. armes Erbdächlein beschicken“. (Br. V, 106, f.) 3. Als Bruder Hans Zulsdorf nicht mehr halten konnte (1540), so kaufte es seine Schwester, obwohl es wenig einträglich und zwei Tagereisen weit von Wittenberg entfernt lag, und hat sich mit Vorliebe hier aufgehalten. (S.S. 84 f.)

Allerdings gehörte wenigstens seit 1504 Zulsdorf zu Kieritzsch und nicht zu Lippendorf und wurde 1515 von Denen zu Kieritzsch an einen Jan von Lenau verkauft (Br. VI, 705; Lpz. Z. 1883 Nr. 70 S. 413); aber um 1525 heiratete eine Marie von Bora zu Zulsdorf einen Siegm. Wolf von Niemeck zu Wittenberg (Schumann, Lexikon von Sachsen XIII, S. 671), und nach Katharinas Tod (1553) brachte ein Christoph von Niemeck, also wohl ein Sohn des vorigen, das Gut Zulsdorf wieder an sich. (Lexikon von Sachsen XIII, S. 671; vgl. Seidemann, Grundbes. S. 529; über die Niemeck vgl. Wittenb. Urbar V.H., Schmalbecker Hufen). Also scheint Zulsdorf in der That ein „Erbdächlein“ Derer von Bora gewesen zu sein. (Die Wittenberger Familie Zulsdorfer, die Stifter der „Zulsdorfer Kapelle“, stammt aus Zulsdorf bei Lochau. Vgl. Wittenb. Urbar III, 296 c. XI; 299 c. XII.)

Im Amte Weißenfels, wozu Lippendorf und Zulsdorf gehörten, gab es um
1510 noch Bora; da wurde ein Siegmund von Bora in einer Streitsache vor
Amt geladen (Staatsarchiv zu Dresden), und zwar, wie es scheint, der
Bruder einer verehelichten „Haugwitz“.

Gegen die Abstammung Katharinas von Hans oder Jan zu Lippendorf kann man geltend machen: 1. Die erste Gemahlin hieß Katharina und war vielleicht eine geborne von Miltitz, die zweite, Margarete, eine geborne von Ende, wenn nämlich der erste in den Urkunden genannte Zeuge oder Vormund, wie gewöhnlich, der Bruder der Frau ist. Dagegen soll Katharina von Boras Mutter eine geborene Haubitz gewesen sein. Wenigstens berichten die (freilich erst 1664 veröffentlichten) Consilia Theolog. Wittenb. IV p. 17 (ebenso Keil histor. Nachr. 15 und Luthers merkw. Lebensweise IV 320) daß Katharinas Mutter eine von Haubitz gewesen. Haubitz heißt ein Vorwerk östlich von Grimma, also bei Nimbschen (Urkundenb. 409), ein anderes liegt eine Stunde von Lippendorf (Wezel 423). Seckendorf (III 92), dessen Schwester 1580 einen Georg von Haubitz heiratete (Engelhard Lucifer Wittemb. I 13, meint, er sei dadurch ein Verwandter der Katharina v. B. geworden) und nach ihm Mayer p. 4 nennt sie eine Haugwitz, darum sagt Richter 295 (vgl. 675): „von Haubitz oder Haugwitz“. (Walch 12, 5 und nach ihm Hofmann 62 irren, wenn sie berichten, in den Consil. W. stehe Haugwitz.) Uebrigens ist Siegmund von Bora 1510 Vormund für eine von Haugwitz, welche also seine Schwester gewesen sein wird (Dresdner Landesarchiv s.o.) Freilich die beiden Namen werden oft verwechselt bzw. gleichgesetzt, z.B. im Kloster Nimbschen (Urkundenbuch 322, 326, 328, 331, 332 vgl. 409 unter „Haubitz“). Diese Verwechslung beruht auf der mundartlichen Aussprache, indem das b in Haubitz wie w und das g in Haugwitz sehr weich gesprochen wurde, so daß es verschwand. Die späteren Biographen behalten Haugwitz bei und behaupten (freilich ohne Quellenangabe), der Vorname von Katharinas Mutter sei Anna gewesen. Soll das ein Mißverständnis aus Una de Haugwitz sein? (Wezel 423) oder eine Verwechslung mit Anna von Haubitz aus Flößberg (bei Grimma), welche gleichzeitig mit Katharina im Kloster Nimbschen war und kurz nach ihr daraus entfloh? Ob die Mutter Katharinas aber wirklich eine geborene von Haugwitz war? Dagegen spricht, daß ein Kanonikus Christoph von Haugwitz 1536 eine Schrift mit einer Vorrede Bugenhagens veröffentlichte, worin keine Rede ist von der Verwandtschaft Katharinas mit der Familie Haugwitz. (Seckendorf ad Indicem I histor. XXXIII, Wezel 423). Gegen Haubitz, wenn Katharinas Mutter aus dem Geschlechte der Nimbscher Nonnen war, spricht der Umstand, daß der Vater Annas v. H. ein kursächsischer Unterthan war (Hirschfeld 97 f.), weshalb sie auch zu Pfingsten 1523 aus Nimbschen austreten und zu ihrer Familie heimkehren konnte. Dagegen die drei Linien Haugwitz waren herzogliche Vasallen (A. Fr. Glasey, Kern der hohen kur- und fürstl. H. zu Sachsen, 4. Aufl. Nürnberg 1753, S. 795. Hirschfeld 127). — Doch war unter den kursächsischen Visitatoren von Thüringen auch ein Erasmus von Haugwitz (Seckendorf II S. 101). Der Bruder der Nimbscher Abtissin Margarethe von Haubitz, Asmus, war 1526-35 Vorsteher des evangelisch gewordenen Klosters Nimbschen (Großmann, Visitationsakten der Diöces Grimma L. 1873, S. 78). Oder sind beide (Asmus = Erasmus) dieselbe Person?

2. Ferner spricht gegen Lippendorf, daß Jan von Bora 1505 alle seine Güter zu Lippendorf seiner Hausfrauen zu einem Leibgeding bekennt. — Lippendorf als damaliger Sitz dieser Linie wäre doch naturgemäß nicht als Leibgeding an die Ehefrau, sondern als Erblehen an die Kinder übergegangen (dieser Grund bestimmt G. v. Hirschfeld S. 110 f., gegen Lippendorf als Geburtsort Katharinas zu stimmen, und ihm folgt jetzt 1897 aus demselben Grunde auch Wezel, nachdem er 1883 Leipz. 8. Wiss. Beil. 71 dafür gewesen war). Indes war auch Sale ein „Sitz“ und wurde dennoch von Hans von Bora zu Lippendorf an seine Ehefrau Katharina verleibgedingt. Es kann ja ganz gut außer Lippendorf noch ein weiterer „Sitz“ für den Aeltesten vorhanden gewesen sein. Aeltere Männer pflegen in zweiter Ehe die Frauen zu Ungunsten der Kinder zu bevorzugen. Dies ist doppelt begreiflich in diesem Falle, wo aus erster Ehe, wie es scheint, nur ein Mädchen, Katharina, vorhanden war, höchstens noch ein Bruder, der mit einem geringen Gütchen abgefunden wurde (s.u. zu S. 4).

Schon Seidemann meint, L. scheine K.s Geburtsort zu sein (Br. VI, 647)
und neuerdings (1899) hat ein aus Medewitzsch gebürtiger Lehrer Dr.
Krebs in Lippendorf am Hofgut als der Geburtsstätte Katharinas eine
Tafel anbringen lassen.

Lippendorf gehörte zum Amte Weißenfels und dieses mit seinen
Zugehörungen nach dem Teilungsvertrag 1485 zum Herzogtum Sachsen (A. Fr.
Glasen, Kern der Gesch. der hohen kur- u. fürstl. H. zu Sachsen. 4.
Aufl. Nürnberg, 1753, S. 792.)