Zunächst Katharinas Brüder. Da war Hans aus Preußen heimgekehrt, um das Gut Zulsdorf zu übernehmen, hatte eine Witfrau des von Seidewitz, eine geborene Marschall, mit einem oder mehrern Kindern geheiratet[303]; er konnte aber von dem Gütchen nicht recht leben und seinen Dienst am preußischen Hofe auch nicht mehr erhalten — und seine Ehe soll auch nicht glücklich gewesen sein. Daher mußte Käthe ihren Gatten um manche Bittschrift für ihn angehen. Ebenso machte Bruder Clemens Sorge, welcher gleichfalls in Preußen wegen Beteiligung an einer Schlägerei seine Stelle bei Hof verlor und, wie es scheint, nicht mehr in „vorigen Stand kommen“ konnte, trotz der Fürbitte der evangelischen Bischöfe von Samland und Pomesan an den Herzog, ihn wieder zu Gnaden anzunehmen, „damit er D. Martino und seiner geliebten Hausfrau nicht eine Betrübnis, dazu Schimpf und Spott sei und also im Land hin und wieder und endlich hinaus ziehet“. Der Herzog „wolle ihn doch mit einem Klepper und Zehrung und gnädiger Fürschrift an den Kurfürsten von Sachsen abfertigen“[304].

Näher noch gingen den beiden Ehegatten allerlei Erlebnisse mit den
Kindern im Hause, den eignen und noch mehr den fremden.

Mit der Anzahl der Kinder wuchs auch die Erfahrung der jungen Eheleute in der Zucht und Erziehung. Zu Anfang, als einmal eines der jungen Kindlein schrie und weinte, daß es niemand stillen konnte, waren Käthe sowohl wie Luther eine ganze Stunde traurig und bekümmert. Später erkannten sie und der Vater sprach es aus: „Wenn junge Kinder recht schreien, so wachsen sie wohl; denn durch Schreien dehnen sich die Glieder und Adern auseinander, weil sie sonst keine andere Uebung haben, sich zu bewegen“[305].

Als die Kinder größer wurden, gab es natürlich allerlei Unarten und Vergehungen, und zwar sowohl bei den eignen, wie bei den angenommenen Waisen. Das „Tauschen“ („Fuggern“ nannte man's später nach dem damals berühmten Augsburger Handelshause) war natürlich auch bei den Lutherskindern üblich. Ja, auch das „Stehlen“ („Schießen“ nannte man es auch nach den „Schützen“ d.h. jungen fahrenden Schülern, den tirones oder Plänklern in Vergleichung mit der römischen Heeresordnung). Das war nun beides recht verpönt im Luther-Hause, freilich wurde bei Eßwaren, namentlich Obst, als Kirschen, Aepfeln, Birnen, Nüssen, die Strafe gelinder bemessen. Aber wenn einmal etwas anderes genommen wurde, dann gab es böses Wetter im Hause. Ganz besonders aufgebracht werden konnte der heftige Hausvater wegen Ungehorsams: Gehorsam hielt er mit andern Pädagogen für die erste Tugend der Kinder. Darum ließ er seinen Erstgeborenen einmal drei Tage lang nicht vors Angesicht kommen und Frau Käthe mußte ihre ganze Ueberredungskraft und die Fürsprache von Freunden anwenden, um den erzürnten Vater umzustimmen[306].

Im Jahre 1536 that Luther seinen Erstgebornen schon aus dem Hause zu
einem tüchtigen Schulmeister. — Die Unruhe war im Kloster gar zu groß.
Später — 1542 — kam er wieder fort zu dem berühmten Präzeptor Crodel in
Torgau[307].

Manchen Aerger hatten Luther und Käthe auch mit den fremden Kindern, namentlich den Neffen.

Man wird frelich kein großes Aufhebens zu machen haben, wenn Luther einmal sagt: „Wenn ich meinen Enders (d.i. Andreas Kaufmann) nicht hätte gestrichen, von seiner Untugend über Tisch gesagt und ihm Zucker und Mandelkerne gegeben hätte, so hätte ich ihn schlimmer gemacht.“ Aber von Martin (seines Bruders Sohn) erzählte Luther: „Derselbe hat mich einmal also erzürnt und getötet, daß ich ganz von meines Leibes Kräften gekommen bin.“ Als Fabian von Bora mit Hans Luther 1542 nach Torgau kam, ließ er sich auf der Reise dahin verleiten, dem kleinen Paul Luther ein Messer zu nehmen und dem Schulmeister Crodel vorzulügen, der Oheim habe es ihm gegeben, während er vorher dergleichen nie gethan. Darüber erzürnte Luther mächtig und diktierte dem armen Sünder drei Tage hintereinander Streiche[308].

Begreiflicherweise vertuschte auch die Mutter und Hausfrau gar manches, was bei den Kindern und dem Gesinde in dem großen Haushalt vorfiel, vor dem heftigen Mann, so daß er in hellem Zorn aufflammen konnte: „Wenn sie sündigen und allerlei Büberei treiben, so erfahre ich's nicht; man zeigt mir's nicht an, sondern hält's heimlich vor mir“[309].

Es war aber freilich nicht allein die Furcht vor des Doktors Zorn, sondern doch auch die Rücksicht auf den vielbeschäftigten und viel geärgerten Mann, was die Gattin bewegen mußte, ihn mit den häuslichen Widerwärtigkeiten möglichst zu verschonen. Er sollte vor allem an den Kindern sich erfreuen. Denn diese Freude an den Kindern war Luther freilich die größte und schönste und er war einigermaßen eifersüchtig auf „Muhme Lene“, welche sie ihm „vorwegnahm“, da die Kinder so an ihr hingen und so viel um sie waren[310]. Luther wollte seine Kinder nicht so hart erzogen haben, wie es ihm ergangen war. Aber für Bosheit und Schalkheit und Schaden sollten sie gestraft werden und es ihnen nicht nachgesehen werden. Das war gewiß auch Frau Käthes Meinung und jedenfalls war sie mit ihres Mannes Anschauung einverstanden: eines Geistlichen Kinder müßten ganz besonders wohlgezogen sein, auf daß andere Leute davon erbaut und ein gut Exempel nähmen; ungezogene Pfarrkinder gäben andern „ein Aergernis und Privilegium zu sündigen“. Dasselbe galt auch vom Gesinde. Denn, sagt Luther, „der Teufel hat ein scharpf Aug auf mich, damit er meine Lehre verdächtig mache oder gar einen Schandfleck anhänge.“ Daher war es ein aufregendes Ereignis, als ein Mädchen in Luthers Hause sich übel aufführte[311].

Nach Muhme Lene's Abscheiden nämlich (1537) nahm das Luthersche Ehepaar eine gefährliche Person ins Haus. Sie kam zu Luther, nannte sich Rosine von Truchses und gab vor, eine arme Nonne aus hohem Geschlecht zu sein. Da Luther aber scharf in sie drang, so bekannte sie, sie wäre eine Bürgerstochter aus Minderstadt in Franken; ihr Vater sei im Bauernaufruhr geköpft worden; sie irre als verwaistes Kind umher und bitte um Gotteswillen ihr zu verzeihen und sich ihrer zu erbarmen. Der gutherzige Mann that es. Das Jüngferlein bezeugte sich gar sittsam und artig, wußte sich in Gunst zu setzen und das Vertrauen aller im Hause zu erschleichen, besonders sich bei den Kindern wohl anzumachen. Aber es war ein schlechtes Weibsbild, das sich in das Haus gedrängt hatte. In Keller, Küche und Kammer kam allerlei weg; niemand wußte, wer der Dieb war. Weiter lockte sie allerlei junge Leute an sich, die sie mit ihrer angeblich hohen Abkunft beschwindelte, und trieb Unzucht mit ihnen. Endlich entdeckte Frau Käthe die Sache und entfernte, während Luther auf einer Reise war, die Person in aller Stille aus dem Hause. Luther war froh, daß er nichts von allem gewußt hatte und daß sie jetzt fort sei. Aber die Schwindlerin zog umher in allen Pfarrhäusern, berühmte sich ihrer Bekanntschaft mit dem großen Doktor und seinem Hause, log, trog und stahl weiter. Immer von neuem tauchte sie auf, zuletzt nach mehreren Jahren noch in Leipzig, so daß Luther dorthin an den Richter Göritz, seinen Gevatter, schreiben mußte, um ihrem Unfug ein Ende zu machen. Luther litt unendlich unter dieser Schmach, die seinem Hause widerfahren, und meinte, die Papisten hätten ihm diese Teufelsperson auf den Hals geschickt. Aber auch Frau Käthe mußte es schwer tragen und dazu noch die Vorwürfe ihres Mannes, welcher zürnte, daß man dieses Weibsbild hatte entkommen lassen und nicht gleich in der Elbe ertränkt habe. Er meinte durch diese Erfahrung gewitzigt zu sein, und doch bekam er vor seinem Ende noch eine „andere Rosine“ ins Haus, die ihm den Aufenthalt in Wittenberg verleiden half[312].