Am 26. August 1542 war der älteste Sohn, Hans Luther, jetzt 16jährig und bereits seit drei Jahren Baccalaureus, nach Torgau geschickt worden zu Markus Crodel, der dort eine treffliche, von Luther hochgeschätzte Knabenschule hielt, damit er in Sprachlehre und Musik ausgebildet werde, auch Sitte und Anstand lerne, wozu in der studentenwimmelnden Kleinstadt und in Luthers überfülltem Hause nicht der rechte Ort war; Luther war sich auch bewußt, Theologen bilden zu können, aber keine Grammatiker und Musiker. Daher wollte er Crodel, wenn er am Leben bliebe, noch später die zwei jüngeren Söhne schicken. Der Gesellschaft und Aneiferung wegen wurde auch Käthes Brudersohn, Florian von Bora, mitgeschickt. Hans war ein guter Junge, während Florian schon einer härteren Zucht bedurfte. Der Mutter that der Abschied weh, noch mehr aber der ältesten Schwester, Lenchen, die mit besondrer Zärtlichkeit an ihm hing. Aber Hans gefiel es gut im Pensionat des Präzeptors, er hatte ihn und seine Frau zu rühmen; er meinte sogar, es erginge ihm hier besser als daheim[646].
Kaum aber war der Bruder abgereist, so wurde Lenchen sterbenskrank.
Es war ein gar liebes frommes Mädchen, das seine Eltern ihr Lebtag nie erzürnt hatte. Auf ihrem Sterbebette verlangte sie herzlich und schmerzlich, ihren Bruder Hans nochmals zusehen; sie meinte, sie würde dann wieder gesund werden. Käthe mußte ihren Wagen anspannen lassen und der Kutscher Wolf fuhr mit dem Luther'schen Gefährt nach Torgau. Er brachte einen Brief vom Vater an den Präzeptor, der lautete:
„Gnade und Friede, mein lieber Markus Krodel. Ich bitt' Euch, sagt meinem Sohn Hans nicht, was ich Euch schreibe. Mein Töchterlein Magdalena ist dem Ende nahe und wird bald heimkehren zu ihrem wahren Vater im Himmel, wenn' s Gott nicht anders gefällig ist. Aber sie sehnt sich so sehr darnach, den Bruder zu sehen, daß ich den Wagen schicken mußte: sie lieben eins das andere gar so sehr — vielleicht, daß sein Kommen ihr neue Kraft geben könnte. Ich thue, was ich kann, damit mich nicht später mein Gewissen beschwert. So sagt ihm also — doch ohne die Ursach' — daß er mit diesem Wagen eilends herkomme, um bald wieder zurückzukehren, wenn Lenchen im Herrn entschlafen oder wieder gesund worden sein wird. Gott befohlen. Ihr müßt ihm sagen, es warte seiner ein heimlicher Auftrag. Sonst steht alles wohl. 6. September 1542.“[348]
Hans kam zurück und auch rechtzeitig daheim an. Denn das arme Mädchen mußte noch vierzehn Tage leiden und mit dem Tode ringen: offenbar hatte dies Wiedersehen des Bruders ihre Lebensgeister nochmals aufflammen lassen. Es waren gar traurige Wochen in dem Lutherhaus. Das fromme Mägdlein zwar wollte gerne sterben: beim irdischen Vater bleiben oder zum himmlischen heimkehren. „Ja, herzer Vater“, sagte es, „wie Gott will!“ Aber den Eltern kam der Abschied ihres Lieblings sehr hart an, namentlich Luther, der hatte sie sehr lieb, denn die Väter hängen mehr an den Töchtern, während Frau Käthe zu ihrem Hans größere Zuneigung fühlte.
In der Nacht vor Lenchens Tode hatte die Mutter einen wundersamen Traum: Es deuchte sie, zwei geschmückte, schöne junge Gesellen kämen und wollten ihr Lenchen zur Hochzeit führen. Am Morgen kam Melanchthon herüber ins Kloster und fragte, was Lenchen machte. Da erzählte Frau Käthe ihren Traum. Magister Philipp, der bei andern im Geruch der Wahrsagung und Traumdeuterei stand und sich selbst viel darauf zu gut that, machte ein erschrockenes Gesicht. Und als er zu anderen Leuten kam, deutete er den Traum: „Die jungen Gesellen sind die lieben Engel, die werden kommen und diese Jungfrau in das Himmelreich zur rechten Hochzeit heimführen.“ Melanchthon hatte diesmal recht prophezeit.
Am 26. September um die neunte Stunde ging es zu Ende. Der Vater hielt das Kind in seinen Armen, die Mutter stand dabei. Der Doktor weinte, betete und tröstete abwechselnd das Kind, sich selbst und die Umstehenden: Frau Käthe, Melanchthon und D. Röhrer. Die Mutter war tief ergriffen; als es zu Ende war, weinte sie ihren Jammer laut hinaus, so daß Luther sie beruhigen mußte: „Liebe Käthe, bedenke doch, wo sie hinkommt: sie kommt wohl.“
Die traurigen Ereignisse gingen ihren Gang. Der Sarg kam; aber als das
Mägdlein hineingelegt werden sollte, hatte es der Tod gestreckt und ihr
Bettlein war ihr zu klein geworden. Die Leute kamen und bezeugten den
Eltern nach dem gemeinen Brauch ihr Beileid: „es wäre ihnen ihre
Betrübnis leid“. Der Schülerchor sang das Lied: „Herr, gedenk nicht
unsrer vorigen alten Missethat.“ Sie ward hinausgetragen auf den
Friedhof am Elsterthor, und eingescharrt. „Es ist die Auferstehung des
Fleisches“, sagte Luther, der jedes Wort und jeden Akt mit einem
sinnigen Trostspruch begleitete. Dann ging der traurige Zug heim und der
Doktor sagte zu Käthe: „Nun ist unsere Tochter beschickt, an Leib und
Seel versorgt, wie es Eltern sollen thun, sonderlich mit den armen
Mägdlein.“ Darauf dichtete der Doktor seinem Töchterlein eine
lateinische Grabschrift, die lautet in treuherzigem Deutsch:
Hie schlaf ich Lenchen, D. Luthers Töchterlein,
Ruh mit allen Heiligen in mei'm Bettelein[349].
Aber noch monatelang sprach und schrieb Luther von seiner Trauer, zürnte wider den Tod und milderte seinen Schmerz mit Thränen um die geliebte Tochter; und Käthe hatte die Augen voll Thränen und schluchzte laut auf beim Gedanken an das „gute gehorsame Töchterlein“[350].