Abb. 18. Die Konturen von Infusorien verschiedener Generationen. Man sieht die Größenabnahme der Zelle. Nach Maupas. Schematisiert.
Obgleich man die Art und Weise, wie sich die einzelligen Lebewesen fortpflanzen, schon seit langer Zeit kannte, ist ihre Unsterblichkeit doch erst in jüngster Zeit durch die Untersuchungen von Woodruff nachgewiesen worden. Weismann vertrat allerdings schon vor mehr als dreißig Jahren mit aller Entschiedenheit die Meinung, daß die Einzelligen unsterblich sind. Aber es waren im Laufe der Jahre allerlei merkwürdige Dinge aus dem Leben der Einzelligen bekannt geworden, die eine gegenteilige Meinung aufkommen lassen mußten. Die Meinung, daß es auch bei den Einzelligen einen Tod aus Altersschwäche gibt. Von diesen merkwürdigen Dingen hat in großen Zusammenhängen der Franzose Maupas zu erzählen gewußt.
Maupas hat in seinen Mußestunden, die ihm sein Beruf als Bibliothekar nur hin und wieder ließ, fleißige Untersuchungen über das Leben der Einzelligen ausgeführt und er hat sich damit ein dauerndes Denkmal in der Biologie gesetzt. Er hat im Laufe der Jahre die Lebensgeschichte von zwanzig verschiedenen Arten von Einzelligen studiert, die Lebensgeschichte des Pantoffeltierchens und seiner Verwandten, der „bewimperten Infusionstierchen“, wie der wissenschaftliche Ausdruck lautet. Und eben dabei hatte er die Dinge gefunden, die der Auffassung von Weismann über die Unsterblichkeit der Einzelligen zu widersprechen schienen. Maupas beobachtete die sich folgenden Teilungen bei Infusorien, und er fand, daß die Teilungsfähigkeit bei Einzelligen nicht unbegrenzt sei. Nach einer bestimmten Anzahl von Teilungen sah er bei allen Arten, die er in seinen Versuchen züchtete, Veränderungen in den Tieren auftreten, die er als Alterserscheinungen deutete. Nach 100, 200 oder 300 Teilungen, je nachdem, wollten die Infusionstierchen in den Aquarien, in denen sie gehalten wurden, sich nicht mehr so schnell teilen wie früher: es dauerte nunmehr länger, bis eine Mutterzelle so weit war, sich in zwei Tochterzellen aufzuteilen. Und obgleich den Tieren im Aquarium reichlich Nahrung zur Verfügung stand, wollten sie nichts mehr essen. Sah man sich die Tiere zu diesem Zeitpunkt genauer mit dem Mikroskop an, so konnte man zunächst bemerken, daß sie an Größe abgenommen hatten ([Abb. 18]): die Länge der Tiere ging z. B. von 0,160 Millimeter fortschreitend auf 0,135, 0,110, 0,090, 0,070, 0,045 und 0,040 Millimeter herunter. Ihr Körper war durchsichtig geworden, und schließlich hatten die Tiere einen Teil ihrer Wimperhärchen eingebüßt; auch der Kern zeigte weitgehende Veränderungen. Jedoch konnten sich die Tiere auch in diesem Zustande noch teilen, aber, wie schon erwähnt, der Zeitraum zwischen den einzelnen Teilungen war nun verlängert. Schließlich, wenn die Tiere schon sehr klein und die Veränderungen in ihrem Körper schon sehr auffallend geworden waren und sie schon zahlreiche Wimpern verloren hatten, hörten sie ganz auf sich zu teilen und starben. Sie wurden zu Leichen. „So altert und stirbt das Infusor aus Altersschwäche,“ sagt Maupas, und er kommt zum Schluß, daß die Einzelligen keine Ausnahme machen von der allgemeinen Regel, die für alle lebendige Substanz gilt. Nach Maupas gehört somit der Tod unbedingt zum Leben und alles Leben mündet nach ihm in den Tod. Es gibt nach Maupas keine Unsterblichkeit der lebendigen Substanz.
Abb. 19. Kopulation von Pantoffeltierchen. Man sieht im Protoplasma den Großkern und den Kleinkern liegen. Nach einer Photographie von Prof. H. Joseph, aus Kammerer, Bestimmung und Vererbung des Geschlechts.
Später haben auch noch andere Forscher dieselben Beobachtungen an Einzelligen gemacht wie Maupas. Sehr bekannt sind die Untersuchungen geworden, die vor dreizehn Jahren der amerikanische Zoologe Calkins ausgeführt hat. Wie schon Maupas hat auch Calkins gefunden, daß im Verlauf der aufeinanderfolgenden Teilungen des Pantoffeltierchens, etwa nach der 90. bis 170. Generation, ein Zustand eintritt, wo die Tiere an Größe abnehmen und sich nicht mehr so schnell teilen wie vorher, bis sie schließlich ihre Teilungsfähigkeit ganz einbüßen. Calkins – wie übrigens auch schon Maupas – hatte auch unregelmäßige Teilungen beobachtet, unvollständig geteilte Mutterzellen, gewissermaßen „Mißbildungen“, die entstehen, wenn die begonnene Teilung der Mutterzelle nicht mehr zu ihrem normalen Abschluß kommt.
Jetzt müssen wir noch von einer anderen Beobachtung erzählen, die Maupas gemacht hatte. Wenn zwei Tiere zu einem Zeitpunkt, wo die „Altersveränderungen“ noch nicht bemerkbar waren, miteinander verschmolzen, „kopulierten“, um nach einiger Zeit wieder auseinander zu gehen, so wurden sie „verjüngt“, sie wurden vom „Altern“ verschont. Die Kopulation der Infusorien ist von zahlreichen Forschern studiert worden. Zwei Tiere legen sich aneinander ([Abb. 19]), verschmelzen gewissermaßen für kurze Zeit, wobei ein teilweiser Zerfall der Kernsubstanzen beider Tiere und ein Austausch von Kernsubstanz zwischen ihnen stattfindet. Dann gehen die Tiere wieder auseinander. Die zahlreichen Einzelheiten der Kopulation interessieren uns hier nicht. Calkins hat gefunden, daß nicht nur die Kopulation die Tiere den schlimmen Zustand überwinden läßt, sondern auch noch allerlei einfache Reizmittel, wie Veränderungen in der Zusammensetzung der Nährflüssigkeit, Temperatursteigerungen und Schütteln. Calkins sagt, die Infusorien verfallen im Laufe der Teilungen nach so und so viel Generationen in einen Depressionszustand, und diesen Zustand überwinden sie eben, wenn ihnen die Kopulation oder allerlei Reizmittel zugutekommen.
Ob wir nun die Veränderungen, die der Organismus der Einzelligen im Laufe der Zeit erfährt, mit Maupas als Altersveränderungen oder mit Calkins als Depressionszustände bezeichnen, das bleibt sich gleich. Tatsache ist, daß die einzelligen Lebewesen nach einer bestimmten Anzahl von Generationen Veränderungen erfahren können, die, wenn sie nicht durch Kopulation oder verschiedene Reizmittel behoben werden, unweigerlich zum Tode der Tiere führen. Die Einzelligen sind also unter gewissen Umständen sterblich wie die lebendige Substanz der vielzelligen Tiere. Wie tiefgreifend die Veränderungen sind, die der Stoffwechsel der Zelle im Depressionszustand erfährt, haben uns die Untersuchungen von Richard Hertwig an einem Strahlentierchen gezeigt ([Abb. 20], [21] u. [22]). Ja, so stirbt das Einzellige, das wir früher einmal als unsterblich gefeiert!