Da sind wir in einen Sumpf von Widersprüchen hineingeraten, und der Leser meint vielleicht, ich sei dran schuld, daß wir in diese widerspruchsvolle Lage hineingekommen sind. Da irrt er aber sehr: denn die Tatsachen sind es, die daran schuld sind.
Wir müssen versuchen, aus diesem Sumpf der Widersprüche herauszukommen. Wohlan – wir werden eine ganze Menge dabei lernen.
Auf Grund der Untersuchungen von Woodruff waren wir früher zur Ansicht gelangt, daß die Einzelligen unsterblich sind. Die Beobachtungen von Maupas, Calkins und Richard Hertwig haben uns anscheinend das Gegenteil gezeigt, – daß auch die Einzelligen alt werden und sterben. Wenn wir nun diesen Widerspruch lösen wollen, müssen wir zunächst der Frage nachgehen, ob nicht vielleicht die Versuchsbedingungen bei Woodruff auf der einen Seite und bei Maupas, Calkins und Richard Hertwig auf der andern Seite verschieden gewesen sind. Das ist tatsächlich der Fall gewesen. Woodruff hat, wie wir schon früher erfahren haben,[3] die Tochterzellen nach jeder Teilung in frische Nährlösung gebracht. So ist es ihm denn gelungen, mehr als 3000 Generationen von Pantoffeltierchen im Laufe von fünf Jahren zu züchten, ohne daß seine Versuchstiere in einen Depressionszustand verfallen wären oder Altersveränderungen zeigten. Anders aber in den Versuchen von Maupas, Calkins und Richard Hertwig. Hier verblieben die Tiere über mehrere Tage hinaus in derselben Nährlösung. Was hat aber dieser Unterschied in den Versuchsbedingungen zu bedeuten? Auf den ersten Blick mag es dem Laien scheinen, daß das doch eigentlich gar nichts zu sagen habe. Aber, wie wir heute wissen, hat das für den Betrieb des Stoffwechsels der Pantoffeltierchen in der Nährlösung sehr viel zu bedeuten. In die Nährlösung gelangen die Stoffwechselprodukte hinein, die im Stoffwechsel der in ihr lebenden Pantoffeltierchen gebildet werden, die Schlacken, die im Leben einer jeden Zelle entstehen. Diese Schlacken müssen aus den Zellen herausgeschafft werden, wenn die Zellen nicht geschädigt werden sollen. Genau so, wie die Asche aus der Dampfmaschine entfernt werden muß, wenn der ganze komplizierte Apparat der Dampfmaschine nicht bald in die Brüche gehen soll. Wenn aber die Stoffwechselprodukte der Zellen sich im Laufe einiger Zeit in der Nährlösung anhäufen, so wird es dadurch den Zellen schwer gemacht, sich ihrer Stoffwechselprodukte zu entledigen. Denn je mehr Schlacken in der Nährlösung schon enthalten sind, desto schwieriger geht die Ausscheidung der Schlacken aus den Zellen vor sich. Worauf diese Schwierigkeit beruht, das ist eine Frage für sich. Hier ist für uns nur wichtig festzuhalten, daß eine Anhäufung von Stoffwechselprodukten in der Nährlösung eine Anhäufung von Schlacken auch in den Zellen bedingen muß. Die Anhäufung von Stoffwechselprodukten aber stört den Ablauf des Stoffwechsels der Zelle, stört den Ablauf des Lebens und bringt die Tiere um.
Wenn diese Betrachtungen richtig sind, dann wäre der Widerspruch, der uns beunruhigte, gelöst und die Unsterblichkeit der Einzelligen gerettet. Das, was Maupas, Calkins und Richard Hertwig an Altersveränderungen oder an Depressionszuständen bei den Einzelligen beobachtet haben, wäre dann kein Altern und kein Zustand, wie er in den Lauf der Dinge im Leben der Einzelligen unbedingt hineingehörte, sondern eine krankhafte Störung wie tausend andere auch, die die Zelle töten können.
Da müssen wir schon genau zusehen, ob all das, was man an „Altersveränderungen“ oder an Depressionszuständen bei den Einzelligen beobachtet hat, wirklich auf eine Anhäufung von Stoffwechselprodukten und auf eine dadurch bedingte Schädigung der Zellen zurückgeführt werden könnte.
Ausgedehnte Versuche über die Art und Weise, wie die Nährlösung die Pantoffeltierchen zu beeinflussen vermag, wenn die Stoffwechselprodukte sich in ihr anhäufen, darüber, wie die Stoffwechselprodukte, wenn sie nicht regelrecht aus dem Körper ausgeschieden werden, die Einzelligen schädigen, verdanken wir wiederum Woodruff. Wir werden später noch sehen, wie diese Versuche von Woodruff die Lehre vom Tode des vielzelligen Organismus in ganz hervorragender Weise gefördert haben. Zunächst aber wollen wir die nackten Tatsachen kennen lernen, die Woodruff hier festgestellt hat.
Der grundlegende Versuch, mit dem Woodruff gewissermaßen schon alle seine weitern Versuche vorweggenommen hatte, bestand in folgendem. Die zwei Tochterzellen eines Pantoffeltierchens, das schon der 1021. Ur … Urenkel eines „wilden“ Pantoffeltierchens war, wurden jede unter verschiedenen Bedingungen weitergezüchtet. Während die Tochterzellen der einen Stammzelle nach jeder neuen Teilung in frische Nährlösung gebracht wurden, blieben die Tochterzellen der andern Stammzelle jeweils mehrere Generationen hindurch, mehrere Tage lang, in ein und derselben Nährlösung, genau so wie das in den Versuchen von Calkins der Fall war.
Schon bald nachdem die beiden Stamm-Tochterzellen in verschiedene Lebensbedingungen gekommen waren, war die Teilungsgeschwindigkeit bei demjenigen Stamm, bei welchem die Nährlösung nicht so häufig frisch gewechselt wurde, geringer geworden. Ganz augenfällig wurde der Unterschied im Verhalten der beiden Stämme einige Monate später, wo die Teilungsgeschwindigkeit bei dem zweiten Stamm mehr und mehr zu sinken begann. Die Pantoffeltierchen teilten sich jetzt nur etwa alle zwei Tage einmal. Bald hörten die Tiere des zweiten Stammes ganz auf sich zu teilen und starben, während die Tiere des ersten Stammes noch genau so munter waren wie vor vier Monaten, als der Versuch begonnen hatte. Im ersten Stamm hatte es im Laufe der 107 Tage, die der Versuch währte, 179 Generationen gegeben, im zweiten Stamm bloß 138 Generationen.
Dieser Versuch von Woodruff sagt uns eine ganze Menge. Ein wildes Pantoffeltierchen hatte sich fortlaufend 1021 mal geteilt, hatte 1021 Generationen erzeugt, solange die Tochterzellen nach jeder neuen Teilung in frische Nährlösung gebracht wurden. Und die Nachkommen dieses 1021. Ur … Urenkels waren noch 179 Generationen lang so munter wie je zuvor. Hatte man es aber unterlassen, die Tiere nach jeder Teilung in frische Nährlösung zu bringen, so nahm die Teilungsgeschwindigkeit allmählich ab: statt 179 Generationen wurden in demselben Zeitraum 138 erzeugt und die Tiere gingen schließlich zugrunde. Warum? Aus „Altersschwäche“ hätte Maupas gesagt. Weil sie in einem „Depressionszustand“ waren, der in die Lebensgeschichte eines jeden Pantoffeltierchens normalerweise hineingehört, hätte Calkins behauptet. Woodruffs Doppelversuch sagt uns aber, daß diejenigen Pantoffeltierchen, die im Laufe der Generationen an Teilungsfähigkeit einbüßten und schließlich starben, einfach geschädigt worden waren dadurch, daß man es unterlassen hatte, die Tiere nach jeder Teilung in frische Nährlösung zu bringen. Was Maupas und Calkins an „Altersschwäche“ und „Depression“ bei Einzelligen beobachtet haben, war also wirklich nichts anderes als eine Schädigung der Tiere durch die Nährlösung, in der ihre Versuchstiere über mehrere Generationen hinaus verbleiben mußten. Es brauchen also die Pantoffeltierchen gar nicht unbedingt zu altern und die Depression gehört gar nicht unbedingt in die Lebensgeschichte eines Pantoffeltierchens hinein.