Über jedem ächten Kunstwerke liegt der Hauch der Ursprünglichkeit gebreitet, den der Mechanismus des Copirens, der Nachbildung abstreift. — Aber wer eine Statue, ein Bild copirt, arbeitet wenigstens in dem nämlichen Stoff; — der Übersetzer dagegen soll den geistigen Stoff in einem ganz anderen Material, in einer anderen Sprache wiedergeben, und Übersetzungen gleichen daher, wie der sonst verständige, tolle Junker von la Mancha sagt, — verkehrten Tapeten. Am schwierigsten erscheint nun die Übersetzung eines dramatischen Stückes, wenn die Sprache je nach den Characteren eine ganz verschiedene ist, und wenn verschiedene Bildungsstufen und Zustände eigenthümlicher, ja lokaler Art dargestellt sind. Und dieses ist der Fall mit dem vorliegenden Drama Gribojädoff’s. Es ist nicht schwer die Sprache von Sophie oder Tschatzki wiederzugeben: sie sprechen die Sprache aller gebildeten Menschen; wer aber vermöchte in einer andern Sprache solche eigenthümliche Erscheinungen wiederzugeben, wie einen Famussoff, einen Scalosúb, einen Repetíloff. Jeder von ihnen führt eine verschiedene Sprache, welche die verschiedenen Bildungsstufen bezeichnet, auf der jeder sich befindet.
Noch einer andern Schwierigkeit muß ich erwähnen: Oft ruft der Gegensatz von Fremdwörtern mit der familiären Sprache eine unwiderstehliche Komik hervor, die also nicht sowohl im Sinne als in der Wortstellung liegt. Von solchen Stellen wimmeln die Reden Famussoff’s, und wie selten kann die treue Übersetzung zugleich mit einer ähnlichen Wortstellung verbunden werden!
Nach diesen Ansichten von Übersetzungen, nach diesem Bekenntniß des Unvermögens wird man mir hoffentlich nicht die Absicht unterschieben wollen, als ob ich diese Übersetzung unternommen hätte, um solchen, die nicht russisch verstehen, das Original zu ersetzen.
Mein Endzweck war ein ganz anderer. Ich schrieb diese Übersetzung nicht sowohl für Deutsche oder solche die deutsch und nicht russisch verstehen, sondern vor allen Dingen für — Russen. Man verstehe mich nicht unrecht. Jeder wird mir zugeben, daß es angenehm wäre eine Sprache zu erlernen ohne das Lexicon immerfort aufschlagen zu müssen. Wenn nun ein Russe z. B. deutsch lernen wollte, so würde er, glaube ich, dieses am bequemsten aus getreuen Übersetzungen derjenigen russischen Meisterwerke, die er bereits im Original auswendig kennt. Hierzu rechne ich Kryloff’s Fabeln, Puschkin’s Onägin und das vorliegende Drama. In meiner Übersetzung habe ich, dem Original Vers für Vers folgend, die Redeweisen durch ähnliche deutsche wiederzugeben versucht. Hierbei ist nicht zu vergessen, daß die Sprache des Stücks die gewöhnliche Umgangssprache ist, und ich hoffe, daß man mir nicht den Vorwurf machen wird, eine andere als die bürgerliche Conversationssprache in der Übersetzung gebraucht zu haben. Der Russe wird also aus ihr deutsch sprechen lernen und zwar mit den eigentlichsten Redeweisen an ihrem Ort.
Aber auch demjenigen, der russisch erlernen will kann ich keinen besseren Rath ertheilen, als Gore ot uma zu lesen, denn die Sprache ist, wie gesagt, die Umgangssprache und durch die gebundene Rede ist der Werth der Sylben, die Betonung, der Accent sogleich gegeben. Solchen würde denn meine Übersetzung eine willkommene Beihülfe werden zum Verständniß des Originals, da die dunkelsten Stellen nach sorgfältiger Kritik der verschiedenen Auslegungen übersetzt sind.
Die Idee, die diesem Stücke zu Grunde liegt, ist eine schon bekannte. Sie ist in einer Gellert’schen Fabel anmuthig und bündig gegeben.
„Du Narr willst klüger sein als wir?
„Man zwang den Pez davon zu laufen.“
Goethe hat den nämlichen Gedanken in den schönen Versen im Faust ausgedrückt:
„Die Wenigen, die ihr Gefühl, ihr Schaun