Propheten verkündeten ein neues Reich und handelten schamlos mit ihrer Sehergabe.

Die Gläubigen aber verloren den Verstand und töteten sich und warfen der Welt ihr letztes bitteres Wort ins Gesicht:

„Es gibt keine Wahrheit auf Erden!“

Und die erbarmungslose, wahnsinnige Geißel schwang sich empor, blind und schwer, und flog sturmgleich von Meer zu Meer, und donnernd dröhnte ihr grausiger Schrei:

„Freiheit!“

„Wißt ihr denn, was Freiheit ist?“ fragte augenzwinkernd der einsame alte Juwelier, der hundert Jahre gelebt hatte

und in seinem Herzen unzählige Generationen zu Grabe getragen hatte.

2.

Am Vorabend jenes großen Tages, der die neue Freiheit zu bringen und die ganze Welt umzugestalten versprach, wurde der alte Juwelier in aller Frühe geweckt, in eine schwarze, wappengeschmückte Kutsche gesetzt, wie sie nur den hohen Würdenträgern des Staates zustand, und unter militärischer Bewachung nach dem königlichen Schlosse gebracht.

Durch die zugezogenen Vorhänge vor den Wagenfenstern fühlte der Alte das Bohren von hundert und aberhundert haßgeschärften Blicken. Es war ihm, als würde von diesen stechenden Blicken das Glas glühend heiß, als klirrte und surrte etwas unter den Rädern, was den Wagen in Stücke zu reißen drohte.