wird’s ein böser Tag, alle kränken die Tante, Tante kriegt ihren geliebten Nabel nicht.
Tante kennt nämlich kein schöneres Essen, als gekochten Hühnernabel. Und Sascha denkt ganz wie Tante. Mit dem Hühnernabel kann man viel erreichen: man kann Sascha dazu bringen, daß sie auch Suppe und Fleisch ißt und nicht bloß Milch ohne Brot; man kann sie dazu bringen, daß sie sich umkleiden läßt, ihr Frätzchen wäscht, — obgleich es dann mit dem Waschen nicht immer sein Bewenden hat: es kommt vor, daß Sascha verlangt, alle sollten sich waschen, und ohne jeden Grund. Aber ein Tag ist eben nicht wie der andere, und das Wichtigste ist doch, daß man Sascha mit diesem Nabel zwingen kann, nicht im Regen spazieren zu gehen.
Tante holt den Nabel von Saschas Teller weg und so geschickt, daß man sie gar nicht dabei ertappen kann. Eben war noch alles in schönster Ordnung, — und mit einemmal ist von dem Nabel nur eine harte Sehne geblieben.
„Man muß es auf einen andern Teller legen,“ sagt Tante Wera streng.
Aber Tante Tatjana Afanasjewna schaut ganz unschuldig drein. Sie hat den Nabel schon aufgegessen.
Mit dem Mittagessen hat man überhaupt sein Kreuz. Zu Mittag geht immer etwas schief.
Sascha wird auf das hohe Klappstühlchen gesetzt, man bindet ihr die Serviette um. Tante Lena fängt an, endlose Geschichten zu erzählen. Der Inhalt dieser Geschichten ist dem Alltagsleben entnommen, er ist ganz einfach und mit so klaren Details, wie man sie höchstens im Traum sieht. Da wird etwa erzählt, wie Manja Bruch in die Stadt ins Töchterpensionat kam. Manja, Onkel Andrej, der Nachbar Bruch, der Landmesser Becker müssen in jeder Geschichte vorkommen. Und nur wenn solche Geschichten erzählt werden, ißt Sascha ordentlich. Gott bewahre, wenn Tante Lena stecken bleibt
oder auf eine der Zwischenfragen keine Antwort weiß! Warum? wo? wieviel? wann? Oder wenn sie auf das unaufhörliche: und dann? und weiter? nicht sofort einfällt. Dann gibt es ein Geschrei und Tränenströme, denen gegenüber selbst Manja, die im Sommer regelmäßig zur ersten Speise erscheint, ganz hilflos ist, und die kein Nabel, kein Pfefferkuchen stillen kann. Manchmal kommt es auch so: man setzt sich zu Tisch, und Sascha ist nicht da. Man hat sie eben noch gesehen, aber nun ist sie mit einemmal verschwunden, wie weggeblasen. Und alles macht sich auf die Suche. Man läuft durch den ganzen Garten, guckt in die Scheune, in Pferde- und Kuhstall, und wenn alle schon ganz außer Atem sind, kommt sie plötzlich aus dem Ofen herausgekrochen, schwarz, wie ein Mohrenkind, und lacht so, daß selbst ein Toter im Sarge mitlachen müßte, und die Lebendigen vor Lachen sterben möchten.
Auch in der Küche muß man sich vorsehen. Da wird der Teig ausgerollt, damit man die Brote in den Ofen schieben kann; alle Vorsichtsmaßregeln sind ergriffen; die Haushälterin Nadeshda hat die Tür verriegelt und eine Bank vorgeschoben, Halka singt Kosaken- und Zigeunerlieder. Was kann man noch mehr tun? Aber durch irgendeine Ritze ist Sascha doch durchgeschlüpft, und sie muß durchaus ein Brötchen mit ihren kleinen Pfoten formen. Und dann klatscht der Teig auf den Boden und wälzt sich im Staub und Schmutz, — und das soll nun gebacken werden!
Nur der Hund Kadoschka hat was davon — o dieser Kadoschka! Er läßt sich nicht anrühren, nicht aus dem Zimmer jagen. Kadoschka kriegt zuguterletzt alles.