Es war eine Krawatte. Eine Krawatte ihres Mannes. Rosa wollte dem Türken nicht von ihrem Manne sprechen. Sie hat auch ein Kind. Ein dreijähriges Mädel. Sie kommt aus Wilejki.
Ihren Mann hat man in einer schwarzen Kutsche nach Petersburg gebracht. Schon vor zwei Jahren. Ein Arbeiter aus der Nachbarschaft hatte ihn angeschwärzt. Ihr Mann war Melamed im Cheder.
„Ein Melamed — ein Lehrer,“ wiederholte Rosa.
„Ich hab ihn gesehen, deinen Mann, er hat einen schwarzen Bart und einen krummen Rücken. Er ist sehr mager. Ein richtiges schwarzbärtiges Skelett,“ sagte der Türke ganz erfreut, und deutlich sah er wieder seine Zelle im vierten Stock vor sich und den Abendhimmel und sich selbst auf den Stuhl stehen.
„Ich selbst komme eben aus Kresty, und er ist auch dort, in Kresty. Das Gefängnis Kresty auf der Wiborger Seite, Arsenalufer 5.“
Aber Rosa saß nicht mehr auf seinem Schoß, Rosa lag auf dem Boden zu Füßen des Türken und schrie so, als würde sie geschlagen, als wollte sie ihre ganze Seele sich aus dem Leibe schreien.
Der Türke griff nach der Karaffe und goß ihr Wasser ein. Was hatte er denn getan, daß sie sich wie in Krämpfen auf dem Boden wälzte und schrie? Aber Rosa rührte das Wasserglas nicht an, sie stand nicht auf, sie blieb liegen, in Hemd und Strümpfen, sie winselte und schluchzte und preßte die schwarze Schleife, die wie ein Schmetterling aussah, fest in ihrer Hand zusammen.
Der Türke erkannte Rosa nicht wieder. Das war nicht mehr der bleiche, schüchtern-schlaue Backfisch, sondern ein rasendes Weib, das von einem wilden Weh gepeinigt wurde. Und der Schmerz machte ihr Gesicht alt und häßlich.
An die Tür wurde geklopft. Man forderte Einlaß.
Der Türke ging um Rosa herum und wußte nicht, was er anfangen sollte.