Morgen, sobald es tagte, lief er in den Schuppen, nach der Truthenne zu sehen.

»Petuschok kommt gegangen, hat die Sonne eingefangen!« sang Petka, auf einem Beine hüpfend. Draußen im Schuppen und auch in Großmutters Stube hauchte er das Hähnchen mit seinem warmen Atem an, als ob im Hähnchen das ganze Geheimnis, das ganze Glück von seinem und Großmutters Leben läge.

»Gelobet seist du, Herr! Gepriesen sei dein Langmut!« Großmutter konnte sich vor Freude kaum auf den Beinen halten.

3

Der Herbst fiel in jenem Jahre trocken und warm aus. Die Sonne schien zwar nur wenige Stunden am Tage, befiederte aber doch das kalikutische Hähnchen: es wuchs heran, krähte mit heiserer Stimme, tat sehr vornehm, fiel über die im Frühjahr zur Welt gekommenen Hähne des Diakons her und raufte mit ihnen wie ein richtiger Hahn. Alle Anzeichen sprachen dafür, daß es einen spitzen, hellroten Kamm, kräftige Sporen und eine laute Stimme haben würde: es war eben ein echtes kalikutisches Hähnchen!

Nicht die Truthenne — wie sollte sie auch? — die Truthenne starb langsam dahin —, sondern die Großmutter pflegte das Hähnchen, und als die warmen Tage von kalten abgelöst wurden, nahm

sie es aus dem Schuppen in die Stube. Großmutter wird Petkas Glück wohl bewachen, sie wird das Hähnchen großziehen, so wie sie Petka großgezogen und sich ihr Glück für ihre alten Tage erhalten hat.

Zugleich mit der Kälte und der Oktobernässe brach eine unruhige Zeit an, die denkwürdigen Tage der Volksopfer und der Freiheit.

Daß auf den Hauptstraßen das elektrische Licht nicht mehr brannte und ganz in der Nähe auf dem Kursker Bahnhof die blank geputzten Lokomotiven unbeweglich dastanden und froren; daß die schrecklichen roten Schlote der Goujon-Werke in der Pokrowka-Vorstadt nicht mehr qualmten und am Himmel hinter dem Androni-Kloster kein Feuerschein bebte — das alles hätte doch, könnte man meinen, auf Großmutter in ihrer Kellerstube nicht den geringsten Eindruck machen sollen: Großmutter brauchte kein elektrisches Licht, sie ging abends nie aus, beabsichtigte nicht zu verreisen und hatte auch mit den Goujon-Werken nicht das geringste zu schaffen. Großmutter wohnte aber in ihrem Keller nicht allein: ihre Nachbarn, lauter einfache Arbeiter, waren mit einer festen Kette an die roten Schlote der Goujon-Werke wie auch an die blanken Kursker Lokomotiven gebunden; der Umstand, daß die Schlote nicht mehr qualmten und die Lokomotiven stillstanden, hatte sie aus ihrer Arbeitsbahn geschleudert, ihr ganzes arbeitsvolles Leben auf den Kopf gestellt, die Erde erschüttert

und ihre Tage zu Tagen des jüngsten Gerichts gemacht. Das Gefühl, das die Straßen ergriffen hatte und in das Leben und die Gedanken des Alltags als ein Weltuntergang eingedrungen war, das sich von Vorstadt zu Vorstadt, von Straße zu Straße, von Gäßchen zu Gäßchen, von Sackgasse zu Sackgasse, von Fabrik zu Fabrik, von Keller zu Keller als die dunkle Vorahnung einer schweren Not fortpflanzte, hatte auch die greise Seele der Großmutter an der Schwelle ihres Todes erfaßt.