Der auf dem Chitrowka-Markt fast gänzlich verschollene Neffe der Großmutter, der ›Räuber‹, erschien eines Tages wieder in Großmutters Kellerwohnung bei der Kirche des heiligen Nikola Kobylski.

Sein von Rheumatismus gekrümmter Arm, seine Nase, die wie drei Nasen übereinander aussah — (es kam von der Elephantiasis), der schwarze abgetragene Überzieher, unter dem er nichts als die ganz zerfetzte, ungewaschene, vor Schmutz steife Wäsche hatte — all das jagte der Großmutter Angst und Schrecken ein. Großmutter fürchtete gar nicht, daß er von ihr Geld verlangen und ihr das Messer an die Kehle setzen würde: sie würde ihm das letzte Geld geben, obwohl sie es gar nicht leicht haben und nachher mit Petka viele Tage würde hungern müssen; es überfiel sie die schreckliche Vorahnung, daß der Neffe, Petkas Vater, der ›Räuber‹, ihrem Petka etwas antun würde. Was er ihm aber antun

würde und was er Petka überhaupt antun könnte, darüber vermochte sie sich keine Rechenschaft zu geben. Doch in der Tiefe ihrer greisen Seele fühlte sie ganz deutlich, daß Petka eine Gefahr drohte, daß das Unglück bereits aus seinem schrecklichen knöchernen Reiche herausgekrochen war und immer näher heranrückte, daß es schonungslos, unerbittlich und grausam an Petuschoks kindliches, kleines Herz heranschlich.

Der Neffe hatte Durst und Hunger. Großmutter richtete für ihn den Samowar. Petka kam aus der Schule, und sie setzten sich alle an den Tisch, Tee trinken.

Petka hatte von den Pilgern, mit denen er auf seinen Wallfahrten zusammengekommen war, viele Heiligengeschichten gehört und wußte, wie die Heiligen ihre Kronen erworben hatten: und nun sehnte er sich danach, einmal Räuber zu werden, sich eine schwere Sünde auf die Seele zu laden, dann Buße zu tun, in ein Kloster zu gehen und in einer Höhle zu leben. Nun saß er aber an einem Tisch mit einem Räuber, trank mit ihm aus demselben Samowar Tee, und dieser Räuber, Großmutters Neffe, war sein leiblicher Vater. Petka wandte keinen Blick vom Vater und starrte seine dreistufige Nase mit derselben verzehrenden Neugier an, mit der er einst im Schuppen die rosa Warzen der Truthenne betrachtet hatte. Und da er nicht wußte, wie er dem Vater gefällig sein und dem Räuber seine Kühnheit zeigen

konnte, sprang er plötzlich von Stuhl, packte das Hähnchen, das sich unter das Sofa verkrochen hatte, an den Flügeln und schleppte es herbei.

»Schau dir das Hähnchen an«, sagte Petka, »ein kalikutisches ist es!«

»Petka und ich haben nur einen Wunsch, daß dem Hähnchen nichts geschieht; sonst brauchen wir nichts!« sagte Großmutter, als ob sie sich rechtfertigen müsse; ihre Hände zitterten, und ihr Kopf wackelte hin und her.

Der Räuber blinzelte dem Hähnchen zu — ein feines Hähnchen! Der Räuber aß mit großer Hast und entschädigte sich für alle die Hungertage, derentwegen ihm der Magen knurrte. Nachdem er Petkas und Großmutters Mittagsessen verzehrt hatte, machte er sich über den Tee her. Das heiße Getränk erwärmte ihn, machte ihn schlaff und löste ihm die Zunge. Und er begann ganz wirres Zeug zu reden, wobei er über Petka und die Großmutter hinwegsah, genauso wie Petka über die Großmutter hinweggesehen, als er ihr vom Luftballon erzählt hatte, auf dem sie einst wohnen würden: er, das Hähnchen und die Großmutter. Aus den Worten des Räubers folgte, daß nun fast alles erlaubt sei, daß es keine Gesetze mehr gebe, daß alle Gesetze abgeschafft seien und daß heute oder morgen alle Gelder in seine Hände übergehen würden; und da würde die blutige Abrechnung beginnen.

»Die gebildeten Schichten . . . Revolution . . .«