»Unter die Räuber will ich gehen, Großmutter«, antwortete Petka augenblicklich. »Als Räuber will ich leben! Und auch du, Großmutter, sollst unter die Räuber gehen . . .«
»Geh nicht fort, Petuschok!« piepste Großmutter so leise, daß Petka sie gar nicht hörte. Dann lag sie wie starr in unheimlicher Angst da: jeder Ton, jedes Rascheln schien ihr unheilverkündend, das Hundegebell erschreckte sie, und es war ihr, als schleiche sich schon jemand an ihre Kellertür heran, ein Dieb, ein böser Mensch, um ihr ihren Petka, ihren Petuschok zu nehmen.
Petka lag mit offenen Augen da; er war aber nicht mehr Petka, sondern ein echter Räuber mit schwarzem, wie beim Morosowschen Kutscher mit Butter eingefettetem Haar, mit einer dreistufigen
Nase und einem gekrümmten Arm; er wird Großmutter und das kalikutische Hähnchen abholen, sie werden zu dritt in einem Luftballon nach dem Chitrowka-Markt fliegen und dort als Räuber leben; und dann beginnt die blutige Abrechnung.
Das Öllämpchen flackerte leise vor den Bildchen und Kreuzchen, vor den ›Vier Marienfesten‹: Maria Schutz und Fürbitte, Aller Leidenden Freude, der Muttergottes von Achtyrka und Mariä Erscheinung — und vor den ›Moskauer Wundertätern‹: Maxim dem Seligen, Wassili dem Seligen und Johannes dem Narren in Christo. Die Berge der ›Mutter-Einöde‹ glühten im Scheine der Nachtlampe rot und schnitten sich wie mit Flammenzungen in den Moskauer Kreml hinein.
»Ich bin unter die Räuber gegangen, Großmutter«, murmelte Petka im Schlafe.
Der unruhige Herbst war zu Ende, der Winter brach an. Großmutters Unruhe hatte sich nicht gelegt, und Petka war nicht mehr zu bändigen: wenn der Schlingel das Schlucken bekam, begann er, statt ein Vaterunser zu beten — früher betete er in solchen Fällen ein Vaterunser, das wirklich half —, ganz sinnlose Abzählreime aufzusagen. Großmutter hatte sich nicht beruhigt, in den Straßen war es nicht stiller geworden, der grimmige Frost hatte Moskau nicht abgekühlt, und das Leben war nicht zum Alltag mit seiner Arbeit und Sorge zurückgekehrt.
Auf unbekannten, ungeahnten Wegen nahte und rückte an das russische Volk die schwere Not heran, die unbarmherzige, unerbittliche, grausame Not; sie trieb es in ferne Länder fort, zu einem fremden Volke, und zerstreute es dort in Spott und Schande; sie brachte es an die Gestade eines fremden Ozeans und ertränkte es darin, schrecklicher als ein Sturm und ein Ungewitter; nun schlich sie dunkel und unersättlich aus dem fremden gelben Lande dicht an den Moskwa-Fluß heran und bedrohte das Herz unseres unglückseligen, verbitterten Landes. Ob unserer großen Sünden wegen, wie Großmutter sagte, oder allen Einfaltigen zur Belehrung, wie der barfüßige Mäßigkeitsapostel aus der Teestube an der Sazepa behauptete, ob als Strafe für das wahnsinnige Schweigen der ganzen Welt — jedenfalls wurde das stumme, sprachlose, noch geschwächte, doch immer und immer wieder bestrafte russische Volk, nachdem es drei Plagen überstanden, wieder der schweren Not preisgegeben.
Und gleich den feurigen Bergen auf dem Bilde der Moskauer Wundertäter schnitten sich auch in Wirklichkeit feurige Berge wie mit Flammenzungen in den Moskauer Kreml hinein, und ein rauchender Feuerschein ergoß sich über die Stadt.
Am Samstag nach dem Nikolatage setzte sich Großmutter mit Petka um die Mittagszeit an den Tisch; sie wollten irgend etwas essen — in diesen