»Zehn Fuhren habe ich hinausgefahren, Großvater!« sagt darauf Atja lachend. Wenn Atja lacht, zeigt er seine gesunden, breiten, weißen Zähne, und man möchte ihn immer lachen sehen.
Der Alte und der Junge halten treu zusammen: niemals wird sich der eine ohne den anderen zu Tisch setzen. Beim Abendtee liest Atja vor, was am betreffenden Tage auf dem Abreißkalender steht. Bauernregeln und Wetterprophezeiungen; manchmal liest er auch aus einem Buche vor, meistens arabische Märchen aus Tausendundeine Nacht. Großvater hört gern zu.
»Da hast du fünf Kopeken für deine Arbeit, aber vernasche sie nicht.«
»Was ich im vorigen Jahr zusammengearbeitet habe, das habe ich alles in Petersburg vernascht, Großvater! Ich habe mir für das Geld
auch ein Nilpferd angesehen«, sagt Atja lachend. Und wenn er lacht, so leuchten seine Augen auf wie Glühwürmchen, und allen wird so lustig zumute.
Und so vergeht ein Tag nach dem andern, und die Zeit fließt dahin wie der Fluß.
Nun ist auch schon der ›Neunte Freitag‹ angebrochen. Das Volk strömt in Scharen herbei. In der Prozession um das Dorf geht Atja mit dem Kreuz voran. Hinter den Heiligenbildern kommt das Volk, und hinter dem Volk das Vieh: Ziegen, Schafe, Hammel, Kühe und Pferde; sie müssen ja unbedingt dabei sein! Auch der Hase nimmt an der Prozession teil; er geht natürlich nicht wie eine Kuh auf den eigenen Beinen, sondern wird von der Patin auf den Armen getragen: sonst würde er ja gleich in den Wald weglaufen.
Man erwartet den Onkel Arkadi. Man spricht nur von ihm. Die Patin hat ihn im Traume gesehen: er kam weiß gekleidet aus der Speisekammer heraus und sprang mit einem Satz auf den Dachboden hinauf. Sie traute dem Traum und buk zum Tee Pastetchen. Die Pastetchen waren gebuttert und so schmackhaft, daß sie von selbst im Munde zerschmolzen. Atja aß auch die Portion des Onkels Arkadi auf. Wann kommt er denn endlich? Die Petrifasten stehen vor der Tür: da muß man Gründlinge haben. Ach, wenn man doch endlich mit dem Angeln beginnen könnte!
Atja ist ein tapferer Junge: er reitet auf jedem Pferd und schwimmt im Fluß bei jedem Wetter;
aber vor den Leichen hat er Angst. Wenn sie vor der Einsegnung unter dem Glockenturm stehen, fürchtet er sich, abends aus dem Fenster auf die Kirche zu schauen, und will um nichts in der Welt allein zu Bett gehen: er sieht überall Gespenster. Panja oder die Patin oder der alte Wotjake Kusmitsch mit der abgehackten Hand müssen ihn auf den Dachboden begleiten und ihm vor dem Einschlafen Märchen oder sonst etwas erzählen; dann schläft er ruhig ein. Wenn man aber die Toten in die Kirche bringt oder den Sarg auf den Friedhof hinausträgt, läuft Atja jedesmal hinaus und lauscht dem Trauergeläute. Der Kirchenwächter Kostja schaufelt die Gräber und läutet die Glocken. Es sind zehn dumpfe, langsame Glockenschläge; die ersten klingen dünn und hoch, die folgenden immer tiefer, trauriger und unheimlicher; der zehnte dröhnt aber so, als ob alle Glocken vom Turm herabstürzten.