Nun läßt man alles stehen und liegen; niemand denkt mehr an Essen und Trinken. Das ganze Haus ist auf den Beinen. Großvater, Onkel Arkadi, die Patin, Panja, Sascha, Kusmitsch und natürlich auch Atja binden sich Siebe vor die Gesichter, kauern den ganzen Tag vor dem Bienenstock und warten, bis die Königin ausfliegt. Sobald die Königin heraus ist, rennen sie alle wie ein Bienenschwarm über Beete und Sträucher, springen über Zäune und laufen übers Feld, bis sie sie irgendwo im Walde einfangen. Gott sei Dank, nun wird es einen neuen Bienenstock geben, und der Honig wird über den ganzen Winter bis zum Frühjahr reichen.
Das Winterkorn ist reif, der Hafer ist gewachsen. Bald ist das Fest der Muttergottes von Kasan. In Kljutschi ist Jahrmarkt. Der ›Seher‹ Syssojuschka kommt zu jedem Jahrmarkt ins Dorf Auch viele Gäste kommen. Die Patin bäckt einen Fleischkuchen; der ist so gut, daß man für ihn alles hingeben möchte. Furchtbar lustig ist es
dann! Warum dauert das Fest der Muttergottes von Kasan nicht das ganze Jahr?
Auf der Dorfstraße tanzen die Wotjakenmädchen einen Reigen. Sie stellen sich im Kreise auf und drehen sich langsam, mit den Absätzen im Takte stampfend, zu den eintönigen Klängen der Balalaika. So geht es lange langsam im Kreise herum; plötzlich schwingen sie die Arme, flattern wie Vögel auf und wechseln die Plätze. Und dann gehen sie wieder lange und langsam unermüdlich im Kreise herum; die Silberschnüre an ihrem Kopfputz rascheln ohne Wind, ihre Fingerringe funkeln ohne Licht.
Onkel Arkadi nimmt Atja mit, um dem Reigen zuzusehen. Sie stehen abseits bei den Burschen. Die Burschen stehen schweigend da und rühren kein Glied. Atja ist es etwas unheimlich zumute; bald will er mitten in den Reigen hineinspringen, sich mit den Mädchen im Kreise drehen und, wenn sie aufflattern, um die Plätze zu wechseln, sich wie ein Vogel in die Luft schwingen; bald denkt er wieder an die zehn dumpfen Glockenschläge, und da krampft sich sein Herz zusammen: sind es nicht die Toten, die aus der Kirche gekommen sind und sich hier im Reigen drehen? Dunkle Nebel umschweben sie, und am Himmel leuchten blasse Sterne.
»Die Toten geben den Neugeborenen die Seele«, sagt Kusmitsch.
›Wenn man doch einmal zusehen könnte, wie sie das machen‹, denkt sich Atja.
Kusmitsch ist sein Freund. Kusmitsch hat sich einmal mit dem Beil die Hand abgehackt; ohne Hand kann man doch nicht arbeiten! Also lebt er schon seit vielen Jahren beim Großvater als eine Art Kirchenwächter. Atja erfuhr von ihm manches Wunderbare; mit vielen Wundern ist er aber selbst im Walde zusammengetroffen.
Einmal begegnete er im Dickicht dem Waldgott Poljeß. Poljeß liebt es, die Leute zu erschrecken, die zu ihm in den Wald kommen. Es war aber um die Mittagszeit, und in dieser Stunde kommt doch niemand in den Wald! Poljeß trieb sich darum ohne Beschäftigung umher; er ist ganz mager, kaum größer als ein Topf, hat nur einen Arm, ein Bein und ein Auge; doch Mund und Nase sind wie bei Atja. Viel schrecklicher war aber eine andere Begegnung: unter einer alten Tanne schnarchte im nassen Moose der schreckliche Kus-Pine; er hatte furchtbar lange Zähne, und vor seinen Füßen lag ein Haufen abgenagter weißer Menschenknochen. Atja warf nur einen einzigen Blick auf ihn und lief schnell davon: mit dem ist nicht zu spaßen, der frißt einen im Nu auf! Und wie er einmal Erdbeeren suchte, kam aus dem Graben der Geist Iskal-Pydo heraus. Der ist harmlos: er sieht ganz wie Kusmitsch aus und trägt auf der Schulter einen dicken Knüppel; er hat aber Kuhfüße: zottig und mit Hufen. Atja gab ihm von seinen Erdbeeren. Iskal-Pydo aß auch wirklich davon.
Doch den Waldteufel und den Wassergott hat