›Es ist natürlich lateinisch‹, sagte er sich. ›Latein kommt erst in der zweiten Klasse. Ich will aber nicht bis zum nächsten Jahr warten. Lieber werde ich gleich Onkel Arkadi fragen: der versteht lateinisch.‹
Als Onkel Arkadi am nächsten Sonntag zu Besuch kam, legte ihm Atja die Frage vor.
»Prostituierte«, erklärte Onkel Arkadi, ohne mit der Wimper zu zucken, »heißen alle diejenigen, die ein Institut absolviert haben. Ein Institut ist aber eine Lehranstalt, wo nur Adlige aufgenommen werden. Dich würde man zum Beispiel, da du nur der Sohn eines Arztes bist, um nichts in der Welt aufnehmen, wenn du auch aus der Haut fährst.«
Atja fuhr beinahe aus der Haut; doch nicht vor Verzweiflung darüber, daß er keine Prostituierte werden konnte, sondern vor Freude; er hatte also doch recht: sie war ganz anders als alle Menschen; sie war nicht nur ein ausgehaltenes Frauenzimmer, das heißt klug und reich, sondern auch eine Prostituierte, das heißt adlig.
›Sie ist eine Fürstin‹, sagte er sich. ›Und wenn sie in diesem Jahr eine Fürstin ist, so wird sie nächstes Jahr eine Großfürstin sein, und in noch einem Jahre — eine Prinzessin.‹
»Meine Prinzessin!« flüsterte er vor sich hin, sooft er an der Tür des verbotenen Zimmers vorbeiging.
Klawdija Gurjanowna hatte niemals Besuch, außer einem einzigen Herrn, der entweder ganz früh am Morgen oder sehr spät am Abend zu ihr kam. Wenn er am Abend kam, so blieb er bis tief in die Nacht hinein bei ihr. Er sang, und sie begleitete ihn. Alle nannten ihn ›den Abgeordneten‹.
»Der Abgeordnete ist gekommen«, sagte die Mutter zu Atja. »Mach nicht solchen Lärm und zupfe deine Jacke zurecht.«
Wenn der Doktor den Gesang hörte, verzog er das Gesicht:
»Ist das der Abgeordnete, der da singt?«